Schutz vor Winterkälte: Einsam auf Feldbetten: Obdachlose suchen Zuflucht in Kirche

Published 4 hours ago
Source: stern.de
Schutz vor Winterkälte: Einsam auf Feldbetten: Obdachlose suchen Zuflucht in Kirche

In einer Kirche im Frankfurter Bahnhofsviertel können Obdachlose in kalten Winternächten schlafen. Tee, Decken und Liegen stehen im Kirchenraum. Was vermissen die Obdachlosen und worauf hoffen sie?

"Meine Familie ist in Rumänien, aber ich muss einen Job finden, um diesem Wahnsinn zu entkommen." Robi sitzt auf einem Feldbett in der Weißfrauenkirche in Frankfurt. Hinter den Sichtschutzwänden hängt ein Gemälde, auf dem Jesus am Kreuz zu sehen ist. 

Die Diakonie Frankfurt und Offenburg hat den Kirchenraum in der kalten Jahreszeit erstmals zu einem Schlafplatz für bis zu 47 Obdachlose wie Robi umgebaut. In der Kirche mitten im Bahnhofsviertel finden ansonsten Kunstausstellungen oder Kulturprojekte statt. Von Oktober bis März bietet sie nachts ab halb elf bis zum Morgen Zuflucht vor der Kälte und den Gefahren auf der Straße. 

"Ja, ich bin einsam" – alle Habseligkeiten in zwei Koffern

Neben Robi stehen ein blauer und ein schwarzer Koffer. Darin trägt der 23-Jährige sein gesamtes Hab und Gut mit sich. Zwei Decken, einen Schlafsack, etwas Parfüm und eine Packung Schokoladenpralinen. Lächelnd geht der junge Mann mit Vollbart durch das Kirchenschiff und verschenkt einige. Höflich, respektvoll und zuvorkommend zu sein, das habe er zu Hause so gelernt.

Während der kräftig gebaute Mann mit einer App übersetzen lässt, wird er ruhiger, sein Kopf senkt sich. Ihm fehle das Geld, um nach Hause zu seiner Familie nach Rumänien zu fahren. In Deutschland habe er auf Baustellen und für einen Paketdienstleister gearbeitet. Der habe ihn aber nicht voll bezahlt. Auf seinem Handy zeigt Robi ein Video aus dem Paketzentrum. Dann holt er eine Warnweste mit dem Logo einer Zeitarbeitsfirma aus seinem Koffer und sein Tablet. Das sei seine Verbindung zur Familie. "Ja, ich bin einsam."

Obdachlos zwischen Scham und Hoffnung

Über seine Obdachlosigkeit spricht ein anderer Mann erst nach einiger Zeit und erklärt sich immer wieder. Aus einer grauen Einkaufstasche holt er akkurat in Klarsichtfolien verpackte Unterlagen mit Wegbeschreibungen zu Behörden heraus. "Ich wüsste auch gerne, wie ich an eine Unterkunft und Arbeit gelange. Die Situation ist schwierig für mich", sagt Yacoub Khater Khalil auf Arabisch. Seine komplette Familie ist im Sudan. Der 40-Jährige stockt im Gespräch und schaut sichtlich berührt. "Darüber möchte ich nicht sprechen." 

Mit Blick auf eine Zukunft fragt er dagegen immer wieder, unter welchen Bedingungen es möglich sei, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. "Zuallererst suche ich für meine Zukunft in Deutschland Arbeit, dann einen Platz zum Wohnen, und letztlich hoffe ich auf ein Leben hier, ein gutes Leben." 

Ein Teufelskreis? Ohne Arbeit keine Wohnung – dann Drogen

"Oft kommen sehr kluge Menschen mit unrealistischen Vorstellungen nach Deutschland und treffen auf Arbeitgeber, die es nicht gut mit ihnen meinen", sagt Christiane Wirtz von der Diakonie Frankfurt und Offenbach. Sie gehört zur Leitung des Diakoniezentrums WESER5 für Wohnungslose an der Weißfrauenkirche. Bei anderen seien es Krankheiten oder Schicksalsschläge, die zur Obdachlosigkeit führen. Das gehe schneller, als man denkt. In der Kirche übernachten ausschließlich Männer. Für Frauen gebe es eigene Anlaufstellen, sagt Wirtz. 

Fortes Erikson von Kap Verde kommt mit einem Backpacking-Rucksack und einem grau-bunt bestickten Tuch über seinen Dreadlocks in die Kirche. Der 34-Jährige nimmt sich einen heißen Tee, eine frisch gewaschene Decke und ist dankbar für seinen Schlafplatz auf einer der aneinandergereihten Liegen unter dem großen Holzkreuz. Er sei seit Monaten unterwegs und seit wenigen Tagen in Frankfurt. "Ich hoffe auf Arbeit."

Sozialleistungen bekomme aber nicht jeder der Obdachlosen, sagt Wirtz. Ohne festen Wohnsitz sei es schwierig, einen Job zu finden – und umgekehrt. "Irgendwann nehmen die Leute aus Verzweiflung Jobs an und arbeiten nachts beispielsweise im Bahnhofsviertel schwarz. Da schaut man beim Verfall zu." Oft komme die Drogenabhängigkeit. "Es ist frustrierend." 

Kälte bei Minusgraden bedrohlich

Die Stadt Frankfurt zählte Mitte Januar knapp 300 Obdachlose. 66 hätten die Nacht im Freien verbringen müssen, die übrigen in Unterkünften. In der Notübernachtung in der Weißfrauenkirche sei ein hoher Bedarf spürbar. "Wir können ihn nicht immer abdecken und sind fast immer voll belegt", sagt Wirtz. 

Die Übernachtungsmöglichkeit in der Kirche biete ihm Sicherheit, sagt Valeri aus Bulgarien. "Wir sind wie eine Familie." Nicht immer, aber oft seien alle freundlich miteinander. Im Kirchenraum ist es ruhig. Ein paar der Männer sitzen auf ihren Feldbetten, andere unterhalten sich. Sobald das Licht erlischt, spricht kaum noch jemand.

"Keine Geister im Stadtbild"

"Einige haben in der Kirche das Gefühl eines besonderen Schutzorts", sagt Wirtz von der Diakonie. Trotzdem tragen ihr zufolge die Kälte und bereits konsumierte Drogen dazu bei, dass der eine oder andere Gast manchmal gereizt oder aggressiv sei. In der Kirche ist der Drogenkonsum verboten. Im Vergleich zu anderen Obdachloseneinrichtungen, die sie betreut, gebe es weniger Streitereien. "Die Menschen haben den Eindruck, bei uns keine Geister im Stadtbild zu sein, sondern einen Namen zu haben. Das berührt mich."

Der 37-jährige Valeri kann nur langsam mit schiefer Körperhaltung gehen und antwortet etwas verzögert – gezeichnet vom Leben auf der Straße. Seine Zukunft? Valeri will zurück nach Bulgarien. "Das ist kein Leben in Deutschland auf der Straße. Jeden Tag musst du sehen, wie du was zu essen bekommst."

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