Tom und Bill Kaulitz moderieren künftig die Kultsendung "Wetten, dass ..?". Was die Brüder diesem stark erschöpften, leicht nostalgischen Deutschland zurückbringen könnten.
Das ist jetzt schon die beste Nachricht des Jahres: Die Kaulitz-Zwillinge übernehmen die ZDF-Kultsendung "Wetten, dass ..?". Ein Moment, in dem dieses stark erschöpfte und leicht nostalgische Deutschland für einen Augenblick so wirkt, als würde es sich selbst schwungvoll beim Umparken zusehen: raus aus der Sackgasse "früher war alles besser", rein in eine Zukunft, die nicht so tut, als wäre sie gern 1984.
Die Kaulitz-Zwillinge sind die perfekten Gottschalk-Nachfolger, weil sie genau das mitbringen, was "Wetten, dass..?" zuletzt fehlte: Leichtigkeit mit Glamour und Selbstironie statt Selbstherrlichkeit.
Tom und Bill Kaulitz sind längst eine lukrative Unterhaltungsmarke
Diese Entscheidung ist ein kluger Generationenwechsel. Bill und Tom Kaulitz, 1989 in Leipzig geboren, groß geworden bei Magdeburg, in einem Dorf namens Loitsche. Mit 13 entdeckt, mit dem Banger "Durch den Monsun" weltberühmt geworden. Es folgten Unmengen kreischender Fans, Stalker, die einbrachen, und Hass, der sie überrollte. Die Kaulitz-Zwillinge flüchteten nach Los Angeles. Seitdem starteten sie einen Podcast, wurden Coaches bei "The Voice of Germany", drehten zwei Staffeln einer preisgekrönten Netflix-Realitysendung über ihr Leben. Bill und Tom Kaulitz wurden zur lukrativen Unterhaltungsmarke. Oder wie ihre Fans sagen würden: die mausigsten Mäuse.
Und genau deshalb ist diese Nachricht mehr als Promi-Klatsch mit ZDF-Logo – sie ist ein kulturelles Signal. Die Kaulitz-Zwillinge könnten Deutschland etwas zurückbringen, das die Sendung traditionell ermöglichte: Gemeinschaft. Der Reiz von "Wetten, dass..?" war früher das Familienritual, dieses Lagerfeuer-Fernsehen, bei dem, wie Hape Kerkeling einmal so herrlich sagte, man "von der Mutter gewaschen" und in einen "blauen Frottee-Schlafanzug" gesteckt wurde, um "ausnahmsweise noch ein wenig länger fernsehen" zu dürfen. Dieses Bedürfnis ist zeitlos: Deutschland braucht unbedingt mehr von dieser heimeligen Wärme.
Es mangelte an Aktualität
Aber Weltflucht allein reicht nicht als Sendekonzept. Denn warum hat "Wetten, dass..?" am Ende nicht mehr funktioniert? Nicht, weil die Idee zu oll war. Dieses Format lebte immer von zwei Spannungen: Weltstar trifft Wettkandidat, Glamour trifft Provinz. Dieser Mix aus Spielen, Prominenten und bissle Wahnsinn ist heute wie damals unterhaltsam. Es mangelte am Ende nicht am Mythos, sondern am Gegenwartsgefühl. Denn als sich die Welt veränderte, blieb ihr ikonischer Moderator Thomas Gottschalk leider stehen.
Deutschland wurde schneller, digitaler und lauter; auch wuchs eine junge Generation heran, die nicht mehr bereit war, den großen Gottschalk nur aus Familientradition heraus zu verehren. Er musste sich ihnen neu beweisen – und scheiterte. Er, der einmal spielerisch beides vereinte: die Gegenwart umarmen und sie zugleich mit einem Spruch entwaffnen. Doch in den vergangenen Jahren wirkte er auf junge Menschen vor allem selbstherrlich und verbittert.
Nicht die Sendung war aus der Zeit gefallen, sondern der Moderator
Unvergessen beispielsweise der Moment, in dem Gottschalk neben Rapperin Shirin David großonkelte. Er saß breitbeinig auf der Couch und sagte zu ihr: "Dass du ein Opernfan bist, hätte ich dir nicht angesehen." David: "Warum nicht?" Er: "Auch die Feministin hätte ich dir nicht angesehen." Sie: "Weil ich gut aussehe? Wir Feministinnen können klug sein, eloquent und wunderschön zugleich." Beim Zuschauen dachte man: Da prallen zwei Welten aufeinander, beide haben ihre eigene Logik. Nur: Eine Shirin David kommt ständig in Kontakt mit seiner Welt, Gottschalk aber offenbar nie mit ihrer. Die Szene verdeutlichte einen Generationenkonflikt, junge Menschen hatten das Gefühl, ein Gottschalk belächele sie nur. Anstatt offen zu sein und neugierig Fragen zu stellen, ballerte der Entertainer Statements raus. Wie etwa diesen peinlichen Satz im "Spiegel"-Interview: "Ich habe Frauen nur dienstlich angefasst." Es wurde immer klarer: Nicht die Sendung war aus der Zeit gefallen, sondern der Moderator.

Umso ironischer, dass Gottschalk nun genau jene Kaulitz-Zwillinge beerben, die er einst als Beispiel für eine vermeintlich fehlgeleitete Jugend heranzog. Gottschalk sagte in seinem Podcast über junge Menschen: "Bei denen ist Bill Kaulitz populärer als Jimi Hendrix, was bitter ist, aber eine Tatsache." Die Antwort der Zwillinge? Sie lachten. Tom Kaulitz nannte Gottschalk eine "Miesmuschel". Und das war mehr als Promi-Pingpong, es war ein Generationenclash: Der alte König der Samstagabend-Unterhaltung wird von den neuen Königen des Entertainments mit genau dem Mittel entwaffnet, das er einst perfektionierte: der gut gelaunten Lässigkeit.
Ihr Erfolgsgeheimnis: Glamour, Ehrlichkeit und Selbstironie
Und so haben die Kaulitz-Zwillinge die deutsche Unterhaltungsindustrie in den vergangenen Jahren revolutioniert. Die Brüder beweisen, dass Eskapismus nicht moralisch verwerflich, sondern Bedingung für ein gutes Leben ist. Zwei schamlose Hedonisten, die Deutschlands Hunger nach Leichtigkeit spielerisch bedienen. Da ist einerseits Bill, der schillernde Extrovertierte; andererseits Tom, der geerdete Gegenpol. Ein Duo, bei dem sich das Publikum aussuchen darf, wen es gerade mehr braucht: Glitzer oder Geländer.

© Joshua Sammer
Da ist ihre Aufstiegserzählung, die wir uns hierzulande sonst nur in nüchternen Gründerporträts gönnen: zwei Jungs aus Magdeburg, alleinerziehende Mama, früher wenig Geld, jetzt Hollywood-Highlife. Und das Publikum gönnt es ihnen, weil ihre Geschichte nicht nach Erbglück riecht, sondern nach selbst erarbeitetem Erfolg. Die Kaulitz-Zwillinge haben sich hochgearbeitet, das macht sie zu Stellvertretern deutscher Träume.
Ihr Erfolgsgeheimnis ist diese seltene Mischung aus Glamour, Ehrlichkeit und Selbstironie. Sie verpacken Luxus nicht als Entschuldigung, sondern als hedonistische Show – und tun dabei nicht so, als seien sie eigentlich bescheiden und nur aus Versehen reich. Das ist das Gegenteil von deutscher Selbstverkleinerung. Und vielleicht genau das, was ein müdes Samstagabendformat braucht.
"Wetten, dass..?" wird mit Bill und Tom Kaulitz champagnerfreudiger und plüschiger werden, goldener auch. Dann darf Deutschland mit ihnen ein neues, amerikanischeres Selbstbild proben: gemeinsam zuversichtlicher und genussfreudiger werden. Es täte uns so gut!
Wie schön wäre es, wenn das ältere ZDF-Publikum dem neuen Moderationsduo mit mehr Offenheit begegnete als einst Gottschalk. Dann gäbe es wieder mehr Lagerfeuer-Abende mit echter Gemeinschaft.
Wetten, dass ... wir's auf jeden Fall versuchen sollten?
