Keiner hat mehr Bock auf heute. Alle wollen nur die Nostalgie-Version von Serien, Songs und Mode. Peinlich, findet unsere Autorin – in der Politik ist das sogar gefährlich.
Mein Handy schwelgt im Gestern. Ohne dass ich darum bitte, kramt es alte Fotos raus, stellt sie zu Videos zusammen und spielt dazu weinerliche Musik. Soll wohl heißen: Schau zurück, so sahst du ohne ein einziges graues Haar aus, da war dein Jüngster gerade geboren, oh, diese Teddy-Augen, und da liegt ihr alle am Strand von Amrum auf einer Decke, das war vor dem ganzen Zoff mit X und ohne das Problem Y, und außerdem schien immer die Sonne, ach, war das herrlich! Sanfte Geigen. Schnief, schnäuz.
Das Gefühl der Woche: Nostalgie-Frust
Nostalgie funktioniert, auch bei mir. Handyhersteller wissen das, Möbel- und Klamottenfirmen, Social-Media-Apps und die Unterhaltungsindustrie wissen es auch. Das Gute, Wahre und Schöne gibt's angeblich nur gestern. So moderieren die Entertainer-Zwillinge Tom und Bill Kaulitz jetzt "Wetten, dass ..?". Dabei hätte man diese Sendung doch im öffentlich-rechtlichen Archiv würdevoll verstauben lassen können, oder?
Durch Social Media fegt der Trend, Fotos aus dem Jahr 2016 zu posten. Das war, als wir noch in Skinny Jeans passten und ein Espresso nicht 3,50 Euro kostete; vor Corona, vor dem Ukrainekrieg, vor dem ganzen globalen Irrsinn, der uns heute jeden Tag fertigmacht. Derweil erlebt der Abba-Song "Fernando" seinen dritten Frühling, weil er in der fünften Staffel der Serie "Stranger Things" vorkommt. "The stars were bright, Fernandoooo", dazu diese sentimentalen mexikanischen Flöten, ach. Keiner hat mehr Bock auf heute.
Verständlich, sagt Manuel Menke, der als Kommunikationswissenschaftler zur Nostalgie forscht. "Nostalgie boomt, weil sich Gesellschaften stark verändern", so Menke. Je schwieriger die Zeiten, desto mehr Rückschau. Das ist erst mal gar nicht schlecht. Eine Forschergruppe in China konnte belegen, dass nostalgische Gefühle sogar Schmerzen lindern. Die Testpatienten betrachteten Fotos von früher und nahmen Schmerzen deutlich weniger wahr. Die größte positive Wirkung hat Nostalgie auf Menschen, die sowieso schon viel Lebensfreude aus der Verbundenheit mit anderen ziehen. VHS-Videos, Spiele aus der Kindheit oder der Geruch von Milchschnitte, die Mama immer in den Ranzen steckte, verstärken das. Sehr gesund.
Trotzdem finde ich dieses Besessensein vom Gestrigen verdächtig. Ja, Schlaghosen waren cool, ich hatte auch welche. Als neulich bei uns gegenüber ein junges Paar einzog (halb so alt wie ich), trugen sie lauter Zeug von früher in die Wohnung. Nierentisch, Perserteppich, Chromleuchte. Meine Freunde schauen wieder "Friends" und "Pumuckl". Meinetwegen, wer’s mag. Aber fällt uns denn überhaupt nichts Neues mehr ein? Irgendwie peinlich, dieses aufgewärmte Zeug. Hat nicht irgendwer Bock auf heute, oder, total verrückt, vielleicht sogar auf morgen?
Politisch jedenfalls sollten wir unbedingt die Finger von Retro-Editionen lassen. Nostalgie ist längst zum Lockmittel von Extremisten geworden – von MAGA bis AfD wollen die Rechten zurück in vermeintlich bessere Zeiten. Leider funktioniert das bestens: Ein Satz auf Social Media wie "Deutschland nimmt zu viele Flüchtlinge auf" lässt niemanden vor Begeisterung vom Sofa springen. Das kodachromefarbene Foto eines Freibads aus den 1980ern allerdings – Zehner, Pommesbude, Badekappen – mit dem Satz "Früher konnte man als Frau noch sorglos schwimmen gehen, ohne von Ausländern angemacht zu werden", so etwas kriegt Tausende Likes.
Der Beipackzettel für Nostalgie in der Demokratie lautet also: Nur maßvoll verwenden, geeignet für Einrichtungsgegenstände, Mode und Unterhaltung. Nur zur kurzfristigen Erholung, bei Überdosierung drohen Einschränkungen der geistigen und körperlichen Flexibilität. Bei nicht schwindelfreier politischer Haltung nicht anwenden. Darauf eine Milchschnitte!
