Die Bundesregierung will, dass Wölfe wieder bejagt werden können. Dabei sind die Räuber unsere wichtigsten Verbündeten gegen eine wachsende Gefahr.
Dem Wolf geht es an den Kragen. Die Bundesregierung will, dass er künftig in das Bundesjagdgesetz aufgenommen wird, und ändert dazu auch gleich das Bundesnaturschutzgesetz. Damit stiehlt die schwarz-rote Regierung der AfD eines ihrer Lieblings-Aufregerthemen. Zur Begründung heißt es in dem Gesetzentwurf, die Rückkehr des Wolfs in Deutschland und Europa sei ein Erfolg der Artenschutzpolitik, mit seiner zunehmenden Ausbreitung steige allerdings auch das Konfliktpotenzial in Bezug auf die Bevölkerung sowie in Bezug auf die Weidetierhaltung. Möglich wurde das neue Gesetz durch eine 2025 beschlossene EU-weite Herabstufung des Wolfs von "streng geschützte Tierart" auf nur noch "geschützte Tierart".
De facto würde die deutschlandweite Neuregelung bedeuten, dass künftig Jäger ohne viel Federlesens auf Wölfe anlegen könnten, wo immer sie nerven oder es vermeintlich zu viele von ihnen gibt. Bisher konnten sie nur einzelne Tiere "entnehmen", die sich als problematisch erwiesen.
Dabei hätten die aktuell etwa 460.000 registrierten Jägerinnen und Jäger in Deutschland wirklich anderes zu tun. Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Fährt man heute mit dem Auto auf einer Landstraße, stehen links und rechts Dutzende Rehe auf den Feldern und äsen munter vor sich hin. Am helllichten Tag! Offenbar ist es dem einst scheuen Wild heutzutage egal, ob es gesehen wird oder nicht. Viel zu fürchten haben Rehe anscheinend nicht.
Warum ich Ihnen das erzähle? Wenn schon der Mensch seine Rolle als Top-Prädator in Wald und Feld nicht ausfüllen möchte, dann sollte er doch wenigstens dem wichtigsten natürlichen Feind des Rehs freie Hand, beziehungsweise freies Maul lassen. Doch kaum berichtet ein Spaziergänger in Brandenburg, dass sich ein Wolf auf seinen Dackel gestürzt habe, erheben die Empörten im Land ihre verbale Flinte und legen auf Isegrim (so heißt der Wolf im Märchen) an.
Wölfe fressen hauptsächlich Rehe – nicht Schafe
Und ja, es gibt Wölfe, die Schafe, Rinder und Pferde schwer verletzen oder töten, und ich verstehe das Entsetzen und die Wut der Schäfer und privaten Halter, die auf diese Weise Tiere verlieren. Aber: Die Nahrung von Wölfen besteht nun mal zu über 90 Prozent aus Rehen, Hirschen und Wildschweinen und nicht aus Nutztieren, das belegen die Untersuchungen von Kotproben eindeutig.

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Mehr als 276.000 Wildunfälle haben die deutschen Versicherer im Jahr 2024 registriert. Dabei entstanden Schäden von über einer Milliarde Euro. Rund 2500 Menschen werden pro Jahr durch Wildunfälle teils schwer verletzt und etwa ein Dutzend stirbt dabei. Die häufigsten solcher Unfälle verursachen Rehe, allein in der Saison 2023/24 waren es rund 204.000, wie der Deutsche Jagdverband meldet. Besonders hoch ist die Zahl der oft verhängnisvollen Kollisionen übrigens in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. Dort gibt es, im Gegensatz zu den östlichen Bundesländern, bislang nur vereinzelt Wölfe.
Nicht verschwiegen werden soll hier, dass auch Wölfe wirtschaftliche Schäden und menschliches Leid anrichten, allerdings in einer ganz anderen Dimension als ihre bevorzugten Beutetiere. Für 2024 registrierte die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf rund 1110 Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere, wobei 4300 Tiere getötet wurden, für die deren Besitzer Ausgleichszahlungen in Höhe von 780.000 Euro erhielten. Dazu kamen 23,4 Millionen Euro für Präventionsmaßnahmen zum Schutz von Herden vor hungrigen Wölfen. Viel Geld, aber nur ein Bruchteil dessen, was Wildschäden kosten.
Begegnungen mit dem Menschen sind sehr selten
Menschen haben allerdings – entgegen aller Behauptungen – hierzulande nichts von Wölfen zu fürchten. Denn die Beutegreifer sind im Gegensatz zu Rehen meist sehr scheu, es sei denn, sie wurden (wie auf manchen Truppenübungsplätzen) angefüttert. Dass es hin und wieder Begegnungen zwischen Spaziergängern – mit oder ohne Hund – und Wölfen gibt, ist eher zufällig.
Ließen wir einen natürlichen Bestand an Wölfen im Land zu, könnten sich die Populationen von Rehen (und anderen Wildtieren) wieder auf ein natürliches, niedrigeres Maß einpendeln. Die munteren Rehlein wären vermutlich auch scheuer, wenn sie mehr Jagddruck durch ihre natürlichen Feinde zu befürchten hätten. Und Autofahrer könnten womöglich beruhigter übers Land fahren, ohne jede Minute damit rechnen zu müssen, mit einem Wildtier zu kollidieren.
Dieser Kommentar stammt aus dem stern-Archiv und wurde aktualisiert.
