In einer App sollen Nutzer in China einmal am Tag ein Lebenszeichen von sich geben. Es geht dabei nicht nur um ältere, isolierte Menschen – die App spricht auch jüngere an.
Die App, die aktuell die chinesischen App-Charts erobert, stellt ihren Nutzern einmal am Tag eine simple, unverblümte Frage: "Bist du tot?" – auf Chinesisch "Sileme". So lautete bislang auch der Name der App. Mit dem Drücken eines virtuellen Buttons in ihr können alleinstehende Menschen bestätigen, dass sie noch am Leben sind. Wenn ein Nutzer die Deadline zweimal verpasst, alarmiert das System automatisch einen zuvor festgelegten Notfallkontakt.
App bestätigt Sorge vieler Menschen in China
Der Service richtet sich an Menschen verschiedenster Lebensphasen, von alleinstehenden Senioren bis hin zu jungen Berufstätigen in Großstädten. Die Resonanz auf die App bringt eine Angst vieler alleinstehender Menschen in China zum Ausdruck. Die Entwickler versprechen ihnen ein "leicht gemachtes Sicherheitstool".

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"Ich mache mir Sorgen, dass ich, falls mir etwas zustoßen sollte, allein in meiner Mietwohnung sterben könnte und niemand es bemerken würde", erläutert Wilson Hou aus Beijing der BBC. Der 38-Jährige arbeitet etwa 100 Kilometer entfernt von seiner Familie und hat seine Mutter als Notfallkontakt angegeben. Ebenfalls erzählt er, die App direkt nach der Veröffentlichung heruntergeladen zu haben, aus Angst, sie könne wegen der negativen Konnotation bald aus den App-Stores verschwinden.
Namensänderung nach internationalem Aufsehen
Offenbar haben die Entwickler mit ihrer App einen Nerv getroffen – doch der morbide Name wirft ein nicht gerade positives Licht auf den Zustand der chinesischen Gesellschaft. Die parteinahe Zeitung "Global Times" hat bereits Namensänderungen mit einer positiveren Formulierung wie "Geht es dir gut" oder "Wie geht es dir?" vorgeschlagen. Die Entwickler haben inzwischen eine Umbenennung ihrer App angekündigt, man werde in Zukunft international den unverfänglichen Namen "Demumu" annehmen.
Die Umbenennung löst ein geteiltes Echo aus. "Wenn ich wollte, dass meine Großeltern diese App herunterladen, könnte ich mich wahrscheinlich nicht dazu durchringen, den (alten) Namen auszusprechen", sagte etwa die 20-jährige Studentin Huang Zixuan.
Insbesondere bei der chinesischen Jugend, die mit der App einen humorvollen Umgang mit ihrer isolierten Lebenssituation gefunden hat, stößt der neue Name auf Kritik. Einige Nutzer zeigen sich enttäuscht und argumentieren, die App verliere mit dem neuen Namen "ihre Würze".
Die Problematik bleibt jedenfalls bestehen: Die Zahl der alleinlebenden Menschen in China nimmt laut offizieller Statistik seit Jahren zu. Einer der Gründe ist die sinkende Zahl der Eheschließungen im zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Ein-Personen-Haushalte allein um fünf Prozent gestiegen. Es dürfte also, Namensänderung hin oder her, weiterhin Bedarf an Apps wie dieser bestehen.
