"Tatort: Das jüngste Geißlein": Schauermärchen im Schwarzwald

Published 2 hours ago
Source: stern.de
"Tatort: Das jüngste Geißlein": Schauermärchen im Schwarzwald

Horror-Märchen: Im "Tatort: Das jüngste Geißlein" müssen Berg und Tobler aufklären, was mit den Eltern der kleinen Eliza passiert ist.

Im "Tatort" aus dem Schwarzwald hat man schon lange kein Lächeln mehr gesehen. Nachdem Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner, 57) im letzten Fall "Der Reini" (2025) seinen Bruder verloren hat und das dunkle Geheimnis um den Tod seines Vaters ans Licht kam, ist er nicht nur gebrochen, sondern auch vom Dienst suspendiert. Das angeschlagene Verhältnis zu seiner Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau, 53) hat darunter weiter gelitten. Umso passender, dass ihr 16. Fall "Das jüngste Geißlein" (4. Januar, 20:15 Uhr im Ersten) noch düsterer ist als der Vorgänger und neben psychologischen Abgründen sowie finsteren Aufnahmen aus dem verschneiten Schwarzwald auch mit Horrorelementen auffährt.

So viel vorweg: Zu zart besaitet sollte man für diesen Krimi nicht sein. Aber auch, wer normalerweise nichts mit Horrorfilmen anfangen kann, findet an diesem "Tatort" Gefallen. Die Drehbuchautoren haben sich - wie der Name erahnen lässt - an dem klassischen deutschen Märchen "Der Wolf und die sieben Geißlein" orientiert und präsentieren eine Geschichte über Verlust, Angst und Trauma.

Worum geht es im "Tatort: Das jüngste Geißlein"?

Friedemann Berg ist zwar aktuell nicht im Dienst, doch das Ermitteln kann er nicht lassen. Und so findet er in einem Haus in seinem Schwarzwald-Heimatdorf im Uhrenkasten einer Standuhr ein verstörtes Mädchen vor. Blutspuren im Haus lassen darauf schließen, dass sich hier ein Verbrechen abgespielt hat - von den Eltern fehlt jede Spur. Doch die kleine Eliza (Hanna Heckt, 10) spricht nicht. Und wenn, dann nur im Zusammenhang mit ihrem Lieblingsmärchen "Der Wolf und die sieben Geißlein", das sie über einen Walkman permanent hört. In dieser Geschichte verschafft sich der Wolf durch eine List Zugang zum Haus der Geißlein und vertilgt eines nach dem anderen. Das Jüngste entkommt, weil es sich im Uhrenkasten verstecken konnte.

Wenig später wird die Leiche von Elizas Vater mit Steinen beschwert im Stausee gefunden. Aber was ist mit der Mutter? Die Kommissare vermuten eine Familientragödie inklusive häuslicher Gewalt und suchen Hilfe bei Elizas Psychologin Dr. Kaltenstein (Mina Tander, 46). Doch sie will das Kind von den Ermittlungen abschirmen, dringt aber selbst nicht richtig zu ihr durch. Denn Eliza hat nur zu dem eigentlich suspendierten und zwischenzeitlich sogar selbst verdächtigen Berg Vertrauen gefasst. Wird sie ihm sagen, was wirklich passiert ist? Und was es mit dem "bösen Wolf" auf sich hat?

Lohnt sich der "Tatort: Das jüngste Geißlein"?

Ja! Dieser "Tatort" ist vielleicht der beste bisher aus dem Schwarzwald. Hier stimmt quasi alles: Geschichte, Bildgestaltung, musikalische Untermalung und schauspielerische Leistung. Nur wer sich extrem fürchtet, ist angesichts der durchaus erschreckenden Horrorelemente hier fehl am Platz. Weniger zartbesaitete Anti-Horror-Fans sollten diesem durchweg spannenden Fall aber eine Chance geben.

Die Drehbuchautoren Rudi Gaul und Ulrike Schölles verknüpfen das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein überaus geschickt mit ihrer "Tatort"-Geschichte. Sie beschreiben sie als "ein Märchen, aber auch die Dekonstruktion eines Märchens: In den düsteren Zeiten, in denen wir inzwischen leider leben, gehen Märchen eben nicht länger gut aus." Und tatsächlich ist die Auflösung des Krimis ebenso unerwartet wie grausam.

Die aus dem Off eingesprochene Geschichte ruft nicht nur die Märchenhandlung ins Gedächtnis, sondern sorgt auch für zusätzliche Gänsehaut. Für diese ist durch die Visualisierung von Elizas Psyche mit einigen Jumpscares aber ohnehin gesorgt. Dass sie das Schauermärchen ganz analog mit Walkman und Kassette hört, passt zum gesamten altmodischen Setting des Schwarzwald-Dorfs, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. So ist es nur logisch, dass Berg ausgerechnet mit dem alten Kinderlied "Frère Jacques" Zugang zu dem verstörten Kind findet.

Auch sonst ist die Musik treffend eingesetzt und bildet den verschneiten Schwarzwald in diesem gruseligen "Tatort" audiovisuell perfekt ab. Alles zusammen schafft eine ebenso düstere wie märchenhafte Atmosphäre. Und dann ist da ja auch noch Hauptdarstellerin Hanna Heckt, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten neun Jahre alt. Sie schafft es völlig selbstverständlich, auch ohne viele Worte märchenhaft feenartig und zugleich verstörend zu wirken. Für die junge Schauspielerin wurde extra ein Kinderdrehbuch geschrieben, um ihr die Geschichte kindgerecht näherzubringen. Die Zusammenarbeit mit ihr bezeichnet Hans-Jochen Wagner als "echtes Geschenk" - und das dürfen auch die (mutigen) Zuschauer erleben.

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