Psychologie: Kann man Hoffnung messen, Herr Professor?

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Psychologie: Kann man Hoffnung messen, Herr Professor?

Als einer von weltweit wenigen Wissenschaftlern erforscht Tobias Kube die Hoffnung. Hier erklärt er, wie sie entsteht – und warum wir sie manchmal ganz verlieren.

Was ist Hoffnung, Herr Professor Kube?
Es gibt keinen Konsens darüber, was Hoffnung aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich ist. Ein Gefühl, oder etwas Kognitives? Wodurch entsteht es? Es gibt viel zu wenig Forschung dazu. Das liegt auch daran, dass Hoffnung zwar in der Medizin, in Psychologie, Philosophie, Theologie und Anthropologie von Interesse ist, dass sich aber kein Fach intensiv damit befasst. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, Definitionen von Hoffnung aus verschiedenen Wissenschaften zu sammeln, ich kam allein in der Psychologie auf über 50.

Warum interessiert Sie die Hoffnung aus psychologischer Sicht?
Weil viele psychische Störungen durch Hoffnungslosigkeit charakterisiert sind. Depressionen etwa, Ängste, Schizophrenie. Ein starkes Warnzeichen für einen bevorstehenden Suizid ist eine ausgeprägte Hoffnungslosigkeit. Auch bei Schmerzpatienten und Menschen mit unheilbaren neurologischen Erkrankungen spielt Hoffnungslosigkeit eine zentrale Rolle. Hoffnung ist also therapeutisch bedeutsam.

Der Keim der Hoffnung ist das Urvertrauen des Säuglings

Sie sind einer von weltweit wenigen Wissenschaftlern, die zum Thema forschen. Wie kamen Sie darauf?
In der Psychotherapie ist das Konzept der Erwartungen wichtig, also die Frage: Was erwartet der Patient von seiner Therapie? Man weiß: Wer positive Erwartungen hat, bei dem wirkt die Therapie besser. Dann hörte ich 2017 den Vortrag eines Mediziners, der mir die Augen geöffnet hat. Er stellte Ergebnisse von Patientenbefragungen vor. Fast kein Patient berichtete von konkreten Erwartungen – aber fast alle erzählten von ihrer Hoffnung, also dem diffusen Wunsch, dass die Therapie ihr Leben irgendwie besser machen wird. Da wurde mir klar: Hoffnung ist aus Sicht der Betroffenen das relevantere Kriterium.

Warum hofft der Mensch überhaupt?
Die Hoffnung ist eine menschliche Konstante. Wir sind zwar nicht das einzige Lebewesen mit einem Bewusstsein, aber eines der wenigen, das weiß, dass es existiert und weiterleben will. Und weil es weiß, dass es eine Zukunft hat, malt es sich diese Zukunft aus. Ohne positive Vorstellungen von der Zukunft könnten wir nicht überleben.

Wie entsteht Hoffnung im Menschen?
Entwicklungspsychologisch ist auch das nicht gut erforscht. Aber man darf annehmen, dass der Keim der Hoffnung das Urvertrauen des Säuglings ist: Er erlebt – wenn es gut läuft –, dass seine Bedürfnisse wie Trinken, Schlafen, Nähe erfüllt werden, und leitet daraus ab, dass sie wahrscheinlich auch in der Zukunft erfüllt werden. Menschen, die als Kind das Gegenteil erlebt haben – Missbrauch, Gewalt, emotionale Vernachlässigung –, sind besonders gefährdet, hoffnungslos auf sich und ihr Leben zu schauen. 

Kann man Hoffnung messen?
Ja. Mein Team und ich haben dazu einen Fragebogen entwickelt. Er hat fünf Dimensionen, die ein Spektrum zwischen zielgerichteter und abstrakter Hoffnung abbilden. Ein Patient würde dort beispielsweise angeben, dass er endlich wieder durchschlafen will – eine konkrete Hoffnung. Aber auch, dass er für seine Kinder ein zugewandter und stabiler Vater sein will – eine etwas abstraktere Hoffnung.

Psychisch gesunde Menschen neigen zu übersteigertem Optimismus

Welchen Wert würde ein psychisch gesunder Mensch erreichen?
Der Fragebogen hat 15 Fragen, man kann sie mit eins bis sechs Punkten beantworten. Der Wert kann also zwischen 15 und 90 Punkten liegen. Jemand ohne psychische Erkrankung liegt typischerweise deutlich über dem Durchschnitt, also vielleicht irgendwo bei 50 bis 70 Punkten. Das passt zu dem bekannten Phänomen, dass psychisch gesunde Menschen zu einem übersteigerten Optimismus neigen.

Gesunde Menschen übertreiben es mit der Hoffnung?
Ja, sie malen sich ihre Zukunft positiver aus, als es sachlich erwartbar wäre. Wenn Sie eine realistische Einschätzung wollen, fragen Sie besser einen leicht depressiven Menschen. Der depressive Realismus ist oft zutreffender.

Kann man die Hoffnung je ganz verlieren?
Leider ja. Menschen, die Suizid begehen, befinden sich in totaler Hoffnungslosigkeit. Es gibt zwar auch den so genannten Bilanz-Suizid, also eine Lebensmüdigkeit, die sich aus der Rückschau des Lebens ergibt. Solche Menschen sagen: Es reicht, ich habe alles erlebt. Suizid aus Hoffnungslosigkeit ist häufiger: Ich bin verzweifelt und sehe keinen Ausweg mehr daraus.

Was nimmt Menschen am radikalsten ihre Hoffnung?
Die schon genannten chronischen Erkrankungen, egal ob psychisch oder rein körperlich. In den letzten Jahren kam noch eine neue Kategorie dazu, die sogenannte "moral injury". Jemand macht eine Erfahrung, die ihn in seinen grundlegenden moralischen Werten verletzt, die das Bild von sich selbst oder anderen Menschen zerstört. Das passiert, wenn Menschen Opfer von Gewalt werden oder mitansehen, wie anderen Gewalt angetan wird. Sie verlieren den Glauben an das Gute.

Warum arbeiten Ärztinnen und Ärzte nicht viel mehr mit der Hoffnung?
Erstens, weil sie das in den bestehenden Strukturen leider kaum abrechnen können. Zweitens, weil Ärztinnen und Ärzte ihre Rolle oft unterschätzen. Viele glauben, ihre Aufgabe bestünde nur darin, dem Patienten Untersuchungsergebnisse mitzuteilen. Daraus würden die Patienten schon die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. So ist es aber leider nicht. Mediziner müssen den Befund erklären und zugleich die Anlässe für Hoffnung vermitteln. Denn es gibt eine starke Korrelation zwischen Behandlungserfolg und Hoffnung.

Der Moment, eine Hoffnung aufzugeben? Wenn sie zu viel Leid erzeugt

Wann ist es Zeit, eine Hoffnung aufzugeben?
Wenn sich immer wieder bestätigt, dass ein erhofftes Ereignis nicht eintritt und wenn dies großes Leid erzeugt. Beispiel: Eine Bekannte von mir war jahrelang in einer Beziehung, in der sie stark abgewertet wurde und Gewalt erlebt hat. Wir mussten das ganze Freundesnetzwerk mobilisieren, um sie da herauszubringen. Allein hat sie es nicht geschafft, weil sie immer wieder sagte: Wenn ich es ihm noch einmal erkläre, dann wird er es verstehen, dann wird er sich ändern.

Was kann man tun, um die eigene Hoffnung zu stärken?
Patienten in der Klinik hilft es sehr, positive Geschichten von anderen zu hören, die Ähnliches durchgemacht haben. Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich in der Therapie gebeten hatte, sich eine innere Figur vorzustellen, die ihn wohlwollend begleitet. Zuerst stellte er sich jemanden vor, der alles richtig macht, immer gute Entscheidungen trifft. Dann merkte er, dass ihm so ein perfekter Begleiter gar nicht half. Er entwickelte einen inneren Begleiter, der selbst Leid erfahren hat – und schöpfte daraus Hoffnung. Hoffnung entsteht also auch, wenn ich mich in meiner Verletzlichkeit verstanden fühle. 

Wer macht Ihnen Hoffnung?
Meine drei Kinder, sie sind acht, sechs und drei Jahre alt. In ihre Augen zu schauen, wenn sie sich auf etwas freuen – da erscheint alles andere nebensächlich, selbst wenn die Welt da draußen noch so freudlos ist. Ich will es aber auch professionell beantworten: Der technische Fortschritt macht mir Hoffnung, zum Beispiel bei der Krebstherapie oder auch bei den Impfstoffen, die etwa während der Corona-Pandemie in rasend schneller Zeit entwickelt wurden. Wir sind lernfähig, wenn es sein muss!

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