Frankreichs Präsident Macron schreibt Donald Trump privat – und dieser postet die Nachricht. Es ist nicht das erste Mal, dass die Chats hochrangiger Politiker öffentlich werden.
"Mein Freund", schreibt der französische Präsident Emmanuel Macron seinem US-amerikanischen Amtskollegen Trump in einer Chatnachricht, bevor er diesem seine Anliegen mitteilt.
Dieser private Einblick ist nicht etwa bei einem versehentlichen Leak oder durch eine lange investigative Recherche öffentlich geworden. Präsident Trump selbst hat den Screenshot auf seiner Plattform Truth Social gepostet. Die Chatnachricht zeigt, neben der riesigen Schriftgröße, die der US-Präsident auf seinem Diensthandy eingestellt hat, die Themen, die Macron gerne mit Trump besprechen möchte. Dabei lässt er ihn wissen, dass sie sich beim Thema Iran und Syrien einig seien, er allerdings nicht verstehe, was Trump in Grönland vorhabe.
"Lass uns Großes schaffen", schreibt Macron weiter, und schlägt einen G7-Gipfel mit Vertretern der Ukraine, Dänemarks, Syriens und Russlands vor. Am Ende seiner Nachricht lädt der französische Präsident seinen Amtskollegen noch zum Abendessen in Paris ein, bevor dieser wieder zurück nach Washington fliegt.
Nato-Generalsekretär Rutte: "Lieber Donald"
Es bleibt nicht bei dem einen Chatverlauf. Trump veröffentlichte ebenfalls eine private Nachricht, die ihm Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit Blick auf den Weltwirtschaftsgipfel in Davos geschrieben hatte. In dieser hieß es: "Herr Präsident, lieber Donald – was Du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich. Ich werde meine Medienauftritte in Davos nutzen, um Deine Arbeit dort, in Gaza und in der Ukraine hervorzuheben. Ich bin entschlossen, in der Grönland-Frage einen Weg nach vorn zu finden. Ich kann es kaum erwarten, Dich zu sehen. Dein Mark."
Ein ungewohnt informeller Einblick in die privaten Chatverläufe von Größen der Weltpolitik. Ob nun beabsichtigt oder nicht, reiht sich der Fall in zwei Vorfälle ein, die im vergangenen Jahr eine Debatte über vertrauliche Informationen von Politikern auf Messengerdiensten entzündet hatten.
US-Angriffspläne auf Signal veröffentlicht
Im März 2025 tauschten sich hochrangige US-Beamte in einem Signal-Chat über Angriffspläne gegen die Huthi-Miliz im Jemen aus – und fügten versehentlich den Journalisten Jeffrey Goldberg zu ihrer Gruppe hinzu. Teil der Gruppe waren unter anderem Vizepräsident JD Vance, CIA-Chef John Ratcliffe, Verteidigungsminister Pete Hegseth und der damalige Nationale Sicherheitsberater Mike Waltz, dem der vermeintliche Fauxpas unterlief.

© SIPA USA
Das Magazin "The Atlantic", für das Goldberg tätig war, veröffentlichte aus Rücksicht auf die Sicherheit der US-Soldaten im Jemen zunächst nur ausgewählte Screenshots des Chatverlaufs. Als die Beteiligten bestritten, dass es sich um vertrauliche Informationen gehandelt habe, hielt sich das Magazin jedoch nicht weiter zurück und veröffentlichte auch die heiklen militärischen Passagen. In diesen waren unter anderem Startzeiten zu lesen, mit dem Hinweis: "Das ist der Zeitpunkt, wenn die ersten Bomben definitiv fallen werden."
Donald Trump: "Kann schon mal passieren."
Der Fall sorgte unter dem Namen "Signal-Gate" für Schlagzeilen und brachte der US-Regierung starke Kritik ein. Dass eine App wie Signal genutzt wurde, um Details über einen bevorstehenden Militäranschlag auszutauschen, werteten Kritiker als enormes Sicherheitsversagen. "Er setzte das Leben unserer Kampfpiloten aufs Spiel. Details wie diese sind geheim. Ich bin absolut fassungslos.", schrieb die frühere Sprecherin des Verteidigungsministeriums, Sabrina Singh, auf X.
Trumps früherer Sicherheitsberater Waltz übernahm die Verantwortung für den Vorfall, spielte ihn aber konsequent herunter. Es seien nach seinen Informationen keine Standorte, Quellen oder Methoden veröffentlicht worden. Trump selbst tat den Fall als "Ausrutscher" ab und warf dem Journalisten Goldberg stattdessen vor, sich Geschichten auszudenken und dem Land zu schaden.
Die EU legt nach: Außenminister-Gruppenchat bei Signal
Was im Frühjahr des Jahres in den USA Wellen geschlagen hatte, wurde wenige Wochen später auch in Europa zum Thema. Bei einer europaweiten Recherche, geleitet von der Journalistenorganisation "Follow The Money", kam heraus, dass in einem Signal-Chat der EU-Außenminister zusammen mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas vertrauliche Gespräche auf höchster Ebene stattgefunden hatten. Auf Kritik aus dem EU-Parlament reagierte Kallas schriftlich: "Die Leitlinien sehen vor, dass bei der Nutzung von beispielsweise Signal nur nicht vertrauliche Informationen ausgetauscht und diskutiert werden dürfen."

© Geert Vanden Wijngaert
Mehrere der bei der Recherche angefragten EU-Mitgliedsstaaten bestritten nicht, dass ihre Außenminister Teil einer solchen Signal-Gruppe seien, weigerten sich jedoch, die Chatverläufe zu veröffentlichen. Die Begründung: Das würde die Vertraulichkeit verletzen und die Zusammenarbeit innerhalb des Rates untergraben.
In einer Erklärung aus Dänemark hieß es auf Anfrage eines lokalen Radiosenders, dass insgesamt 27 Dateien aus der Signal-Gruppe archiviert seien. Dort gibt es eine strenge Aufbewahrungspflicht von bis zu 25 Jahren für ministerielle Chat-Kommunikation. Herausgeben wollte das Ministerium die Dateien jedoch ebenfalls nicht.
Das Auswärtige Amt bestätigte dem SWR, dass auch Bundesaußenminister Wadephul (CDU) Mitglied einer Außenminister-Signal-Gruppe gewesen sei, beharrte allerdings darauf, dass er vertrauliche und sicherheitsrelevante Themen nur über gesicherte Kanäle besprochen habe.
Kritik für widersprüchliche Aussagen
Der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) betonte auf Anfrage von "Follow the Money", dass der Gruppenchat nicht zum Austausch sensibler Informationen genutzt werde. Wenn doch, müssten die Inhalte dokumentiert werden, was in Dänemark zum Beispiel geschehen war. Wären in den Chats jedoch tatsächlich nur Belanglosigkeiten besprochen worden, hätte einer Veröffentlichung wohl nichts im Weg gestanden.
Diese Widersprüchlichkeit kritisierte unter anderem der ehemalige Europaabgeordnete der Piratenpartei, Patrick Breyer. Die Nachrichten würden ihm zufolge als "informell" und "nicht-sensibel" betitelt, um sich der amtlichen Aktenführungspflicht zu entziehen, sobald aber jemand Einsicht fordere, würden dieselben Informationen plötzlich zur "Gefahr für die internationalen Beziehungen", erklärte Breyer.
Alle diese Fälle haben eines gemeinsam: Sie haben das Potenzial, die Bevölkerung auf gleich zwei Ebenen zu beunruhigen. Zum einen wegen der Fahrlässigkeit, mit der hochrangige Politiker offenbar in manchen Fällen mit vertraulichen Informationen umgehen, zum anderen wegen der Nachrichten selbst. Dass Politiker auch in schweren Zeiten einen respektvollen Umgang miteinander pflegen sollten, liegt auf der Hand. Dass Donald Trump in privaten Chats mit Emmanuel Macron jedoch als lieber "Freund" adressiert wird, während er zeitgleich damit droht, Grönland militärisch einzunehmen, könnte viele Menschen doch ein wenig irritieren.
