Back to News
🇩🇪
DDRHamburg1 hours ago

Nachruf: Michael Seufert: Ein Leben für den Journalismus

stern.de

Monday, February 16, 2026

4 min read
Nachruf: Michael Seufert: Ein Leben für den Journalismus
Share:

Michael Seufert, großer Journalist und langjähriger stellvertretender stern-Chefredakteur, kämpfte für die „Macht der Wörter“. Ein Nachruf auf den prägenden Journalisten.Michael Seufert war von Kindheit an aufmerksamer Zeuge des Zeitgeschehens, nachdem er die Zustände des Arbeiter- und Bauernstaa...

Michael Seufert, großer Journalist und langjähriger stellvertretender stern-Chefredakteur, kämpfte für die „Macht der Wörter“. Ein Nachruf auf den prägenden Journalisten.

Michael Seufert war von Kindheit an aufmerksamer Zeuge des Zeitgeschehens, nachdem er die Zustände des Arbeiter- und Bauernstaates, in dem er bis zu seinem 14. Lebensjahr aufgewachsen war, früh kritisch betrachtete. Auch als Abc-Schütze habe er gelernt, „dass es diese und jene Wahrheit“ gebe. Seufert war in seiner Geburtsstadt Bernburg an der Saale zur Schule gegangen, nach der Flucht mit der Mutter aus der DDR in den Westen, hatte er in Hamburg sein Abitur gemacht. Zwei unterschiedliche Geschichtsschreibungen kennenzulernen, haben ihm früh den Blickwinkel eröffnet, angebliche Gewissheiten auf den Prüfstand zu stellen. Die Heimat und den Vater hinter sich zu lassen, war notwendig geworden, weil er als Jugendlicher strikt die Teilnahme an der Jugendweihe verweigert und sich damit den Weg auf ein Gymnasium in der DDR verbaut hatte.

Michael Seuferts Weg von der Schülerzeitung zum führenden Journalisten

Erste journalistische Gehversuche hatte Seufert als Gründer einer Schülerzeitung unternommen, übrigens an einer Mädchenschule, an der er mit anderen aus der DDR geflüchteten Schülern und Schülerinnen gelandet war. Aus jener Zeit ist überliefert, dass er sich auch darin profilierte, das Projekt nicht nur inhaltlich, sondern auch wirtschaftlich zum Erfolg zu führen. 

Nach seinem Volontariat bei den Bremer Nachrichten war Seufert 1970 über einen Kollegen zum stern gekommen. „Dort arbeiten zu können, war einfach ein Traum“, erinnerte er sich. Als Ressortleiter „Deutschland 2“ verantwortete er wichtige Recherchen unseres Magazins, darunter über die denkwürdige „Todesnacht von Stammheim“, in der nachgewiesen werden konnte, dass die offizielle Version des Todesermittlungsverfahrens massive Unstimmigkeiten aufwies. „Es war damals so schlampig gearbeitet worden, dass sich natürlich Legenden um angebliche Morde rankten“, sagte er später in einem Interview. Als Auslandschef sollte er später maßgebliche Interviews führen, darunter eines mit dem Jahrhundertpolitiker Michael Gorbatschow.

Rechercheleistung in eigener Sache

Michael Seufert sollte zu den frühen redaktionsinternen Skeptikern zählen, was die Veröffentlichung angeblicher Tagebücher Adolf Hitlers betraf. Doch auch ihm habe die Vorstellungskraft gefehlt, dass alle Prüfungsmechanismen, die er kannte und auf die er vertraut hatte, auf so katastrophale Weise versagen sollten. Zu seinen wichtigsten Recherchen gehörte ausgerechnet die Aufarbeitung des hauseigenen und darüber hinaus größten Presseskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte. In kürzester Zeit war es Michael Seufert und seinen redaktionellen Mitarbeitern gelungen, den Betrüger Konrad Kujau als Urheber der Fälschung auszumachen. Den Auftrag dazu hatte ihm Henri Nannen „ohne Rücksicht auf Ansehen der Personen“ persönlich erteilt. Seinen finalen Rechenschaftsbericht sollte er viele Jahre später in Buchform der Öffentlichkeit vorlegen.

Nach seinem Ausscheiden nach 26 Jahren beim stern war Seufert als freier Buchautor und Publizist tätig. Er übernahm Auftragsarbeiten wie jene des Steakhouse-Gründers Eugen Block, eine Biografie und Firmengeschichte zu verfassen. Auch in diesen Arbeiten agierte er als Vollblutjournalist, stellte stets die Bedingung, unabhängig recherchieren und ungeschönt schreiben zu dürfen. Mit seinem Freund und langjährigen Kollegen Sepp Ebelseder veröffentlichte er die Geschichte der Hamburger Hoteliersdynastie Haerlin sowie eine Biografie über den Liedermacher Georg Kreisler. Zuletzt widmete er sich schriftstellerisch den Schönheiten Hamburgs, darunter einer Ode auf den Fluss Bille, „Hamburgs unbekannter Schönen“.

Von der Kunst, Nachrufe zu verfassen

In seinen Erinnerungen auf einem Zeitzeugen-Portal erzählte Michael Seufert von seinen Anfängen als Lokalreporter, und wie schwer es ihm damals gefallen sei, Nachrufe zu verfassen. „Das war eine relativ harte Schule, denn die Angehörigen und Freunde haben sehr, sehr unterschiedlich reagiert, manche fanden das sehr nett, andere waren wütend und haben aufgelegt, mit einer Frau habe ich herzhaft gelacht, weil sie mir so wunderbare Geschichten über ihren Mann erzählte“, erinnerte er sich für das Zeitzeugen-Portal.

Gespräche wie diese mussten und durften wir nun auch für den Nachruf auf ihn selbst führen. Unser früherer Chefredakteur Thomas Osterkorn erinnert sich an Michael Seufert als einen „begnadeten Menschenfänger“, der sich besonders um große Texte bemüht hatte, die über reinen Journalismus hinausreichten. „Unter seiner Ägide sind wichtige Autoren groß geworden, er hatte ein gutes Gefühl für Texte und die Menschen, die diese verfassten.“ 

Gemeinsam mit dem Unternehmer Edmund Siemers sollte er diese Gabe 2020 von Neuem beweisen, als er mit migrantischen Jugendlichen des Hamburger Bezirks Wilhelmsburg mehrere Buchprojekte umsetzte. „Er hat diesen jungen Menschen Sicherheit vermittelt, indem er ihnen mit unglaublicher Sensitivität dazu verhalf, ihre Scham, Ängste, Ausgrenzungserfahrungen und das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, zu artikulieren“, sagt Siemers. Seine großen Erfahrungen als einer der führenden Journalisten Deutschlands sollten so im Rentenalter noch eine ganz besondere Kraft entfalten: die Macht der Worte als Mittel der Selbstbehauptung an jüngere Generationen weiterzureichen.

Nun ist Michael Seufert (1943 - 2026) im 83. Lebensjahr unerwartet verstorben.

Read the full article

Continue reading on stern.de

Read Original

More from stern.de