Nach einem aufregenden Jahr ohne Titel, aber mit einer sichtbaren Entwicklung richten die deutschen Fußballerinnen alles auf das nächste Turnier aus. Beim Bundestrainer fehlt noch eine Unterschrift.
Mit dem Schwung und den Lehren aus der EM und der Nations League gehen die deutschen Fußballerinnen ins neue Jahr - der Fokus liegt auf der WM-Qualifikation. Bundestrainer Christian Wück will und muss die Entwicklung weiter konsequent vorantreiben, damit das Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien um den Titel mitspielen kann. Bevor es sportlich für das Nationalteam 2026 losgeht, soll die Vertragssituation des Bundestrainers geklärt werden.
"Gute Gespräche fortsetzen"
"Wir haben gemeinsam eine positive Bilanz des Jahres gezogen und die vergangenen Monate intensiv reflektiert. Zwischen Nia und mir besteht ein kontinuierlicher, vertrauensvoller Austausch", sagte Wück der Deutschen Presse-Agentur über DFB-Sportdirektorin Nia Künzer. Der 52-Jährige hatte die Frauen-Auswahl 2024 nach Olympia von Horst Hrubesch übernommen, sein Vertrag ist bis Ende dieses Jahres gültig.
"Im neuen Jahr werden wir mit frischer Energie und in gleicher Offenheit unsere guten Gespräche fortsetzen und den Blick in die Zukunft richten", ergänzte Wück. Vieles spricht dafür, dass der Verband seinen Vertrag vor der Anfang März beginnenden WM-Qualifikation verlängern und die offene Personalie nicht länger mit sich herumschleppen wird. Zumal der DFB das Arbeitspapier von Männer-Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem Argument der Planungssicherheit schon vor knapp einem Jahr vorzeitig um zwei Jahre bis 2028 ausgeweitet hatte.
Künzer erklärte zuletzt mehrfach zu Wücks Zukunft: "Ich habe schon bei der EM gesagt, nachdem wir den Umbruch eingeleitet haben: Im Moment gibt es keinen anderen Gedanken, als diesen Weg weiterzugehen."
Neues Gesicht und stabiles Gerüst
Wück hat dem deutschen Team ein neues Gesicht gegeben, ihr ein stabiles Gerüst mit Torhüterin Ann-Katrin Berger, die erst mal weitermacht, Abwehrchefin Janina Minge, Mittelfeldlenkerin Sjoeke Nüsken und den Angreiferinnen Klara Bühl und Jule Brand verpasst, zudem Talente wie Carlotta Wamser oder Franziska Kett integriert.
"Wir wollen den Weg, den wir eingeschlagen haben, konsequent weitergehen. Die Entwicklung unseres Teams steht dabei im Mittelpunkt", sagte der frühere Bundesliga-Stürmer über die Auswahl um Kapitänin Giulia Gwinn. "Die ersten Schritte waren groß und für alle sichtbar, jetzt geht es um die Feinheiten, um die kleinen Details, die uns noch besser machen. Wir möchten unsere Spielidee weiter verinnerlichen und den Spielerinnenpool dabei kontinuierlich erweitern."
In diesem Jahr steht erstmals seit 2021 kein großes Turnier für die DFB-Frauen an, die WM-Qualifikation klar im Vordergrund. Los geht es am 3. März in Dresden gegen Außenseiter Slowenien. Weitere Gegner sind Norwegen und Österreich - alles andere als der Gruppensieg mit dem direkten WM-Ticket wäre eine Enttäuschung. Wenn die Play-offs vermieden werden, hätte die DFB-Elf noch zwei weitere Testspiele in diesem Jahr, um sich für die WM einzuspielen.
"Können stolz auf die Mannschaft sein"
Nach der Halbfinal-Teilnahme bei der EM in der Schweiz (0:1 gegen Spanien) und den beiden Nations-League-Finals gegen die Weltmeisterinnen (0:0/0:3) bilanzierte Wück: "Wir können schon stolz auf die Mannschaft sein. Die Entwicklung geht definitiv in die richtige Richtung." Gleichzeitig offenbarte sein Team immer wieder Abschlussschwächen und ist auch spielerisch noch nicht da, wo Wück und seine Co-Trainerinnen Saskia Bartusiak und Maren Meinert es haben wollen.
Zudem ist der Frauenfußball im Land des FIFA-Weltranglisten-Dritten noch längst nicht so aufgestellt, dass Wück bei seinen Spielerinnen die Qual der Wahl hat. Man habe schon gemerkt, "dass wir auf der einen oder anderen Position noch nicht so top sind, wie wir es brauchen, um wirklich dann eben irgendwann diesen Pokal in der Hand zu halten".
Appell an die Bundesliga-Clubs
Kein Wunder, dass sich der Chefcoach, der die männliche U17 des DFB 2023 zum EM- und WM-Triumph geführt hatte, "qualitativ hochwertige Spiele auf hohem Niveau" in der Bundesliga wünscht: "Davon profitieren am Ende auch die Spielerinnen und damit das Nationalteam. Nur gemeinsam können wir die Spielerinnen bestmöglich weiterentwickeln und die nächsten Schritte gehen."
Mit der Gründung des Ligaverbandes durch die 14 Bundesligisten und dem Zuschlag für die EM 2029 in Deutschland haben die Clubs auch beste Voraussetzungen, ihren Sport weiter voranzutreiben - auch wenn es zwischen ihnen und dem DFB zuletzt gewaltig krachte. Weiter ist offen, ob die gemeinsam mit dem Verband geplante FBL GmbH noch zustande kommt.
Heim-EM als "riesige Chance"
Unabhängig davon wirft das Heimturnier in dreieinhalb Jahren seine Schatten voraus. "Das ist eine riesige Chance – für den Frauenfußball in Deutschland und damit für den Fußball in Deutschland und für das ganze Land", sagte Wück.
Auch wenn der Bundestrainer an der Seitenlinie mitunter verzweifelt gestikuliert und zuletzt öffentlich mangelnde Spielintelligenz bei seinen Fußballerinnen beklagte: Es mache ihm "unfassbar Spaß, wie die Mädels Fußball spielen". Als Zeichen des Willens und der Leidenschaft steht beispielhaft das epische EM-Viertelfinale gegen Frankreich mit dem Sieg im Elfmeterschießen.
"Noch nicht am Ende des Weges"
"Wir haben es geschafft, im letzten Jahr mit unserer Art, Fußball zu spielen, die Menschen zu begeistern", sagte Künzer. "Sicherlich sind wir noch nicht am Ende des Weges. Das sehen wir einfach, wenn wir gegen Mannschaften wie Spanien spielen."
Unabhängig von der Abschlussschwäche ("Wir werden daran arbeiten") sagte Chelsea-Profi Nüsken: "Wir haben uns gefunden als Mannschaft. Man merkt den Teamspirit, man merkt einfach diese Freude auf dem Platz auch und neben dem Platz vor allem. Wir haben einen superguten Schritt in die richtige Richtung gemacht und wir haben jetzt ein Jahr noch Zeit, fast zwei Jahre sogar, bis das nächste Turnier kommt."
