Wer liegt vorn?: Was bei Ergebnissen von Wahlumfragen zu bedenken ist

Published 3 hours ago
Source: stern.de
Wer liegt vorn?: Was bei Ergebnissen von Wahlumfragen zu bedenken ist

Kurz vor Wahlen wird besonders auf Umfragen geschaut - wie in Rheinland-Pfalz, wo im März ein neuer Landtag gewählt wird und sich Kräfteverhältnisse mächtig verschieben könnten. Was sollte man wissen?

Wahlumfragen spiegeln das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung wider. Sie sind explizit keine Prognosen auf den Ausgang einer Wahl. Angesichts schwindender Parteibindungen und immer kurzfristiger Wahlentscheidungen bei vielen Menschen sind sie mit Unsicherheiten behaftet. 

Ihre Aussagekraft hängt wesentlich etwa davon ab, wie sehr die Gruppe der Befragten der Gesamtheit aller Wahlberechtigten entspricht, wie repräsentativ sie also ist. Je mehr das zutrifft, desto eher kann von Wahlpräferenzen der Befragten auf die der Wahlbevölkerung geschlossen werden. 

Auch soziale Erwünschtheit spielt mit hinein 

Wichtig sind für die jeweilige Fragestellung relevante Merkmale - im Fall von klassischen Sonntagsfragen also welche, die die Wahlentscheidung beeinflussen können wie Geschlecht oder Alter. Unabhängig von der Repräsentativität ist es immer möglich, dass die geäußerte Wahlabsicht am Ende nicht der Wahlentscheidung entspricht - etwa, weil sich die Person doch noch anders entscheidet oder die Präferenz nicht korrekt angegeben wird.

Klassischerweise sei es so, dass extreme Parteien in Umfragen unterschätzt würden, sagt Marcus Maurer, Professor mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Es sei sozial weniger erwünscht, solche Parteien zu wählen, also gäben weniger Menschen eine solche Wahlabsicht an.

Kleine Veränderungen sind mit Vorsicht zu genießen

Zu bedenken ist außerdem, dass jede Umfrage mit unvermeidbaren statistischen Fehlern verbunden ist. Bei 1.000 Befragten beispielsweise komme nur ein ungefährer Zustimmungswert heraus mit einer Schwankungsbreite von plus oder minus drei Prozentpunkten, erklärt Maurer. Genauer könne man das nicht sagen. Das relativiere kleine Veränderungen bei Parteien. Das müsse keine veränderte Wählerpräferenz, sondern könne auch statistisch bedingt sein. 

Repräsentativität zu erreichen, ist nicht einfach. Die Bereitschaft der Menschen zur Teilnahme an Umfragen sei deutlich geringer als früher, sagt Maurer. Egal, ob eine Umfrage telefonisch oder online durchgeführt werde, es sei heutzutage sehr schwer, eine repräsentative Stichprobe zusammenzukriegen. "Bestimmte Bevölkerungsgruppen möchten sich einfach nicht mehr beteiligen oder sind nicht erreichbar, weil sie nicht zu Hause sind oder was auch immer." 

Es wird mit Gewichtungen gearbeitet

Die Ausschöpfungsquote, also der Anteil der Personen aus einer Stichprobe, die geantwortet haben, geht Maurer zufolge zurück. "Das löst man in der Regel mit Gewichtung." Wenn also in einer Stichprobe anteilig weniger junge Menschen seien als in der Wahlbevölkerung, würden vorhandene Antworten aus dieser Altersgruppe stärker gewichtet. Unterrepräsentiert seien in Umfragen häufig neben jungen Leuten auch weniger gebildete Schichten, politisch Uninteressierte oder Menschen mit Migrationshintergrund.

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