Für den neuen Film "Pechmarie" der beliebten ARD-Krimireihe "Nord bei Nordwest" musste Hauptdarstellerin Marleen Lohse Gebärdensprache lernen. Außerdem geht sie bald mit ihrem Debütalbum auf Tour. Und sie ist Mutter. Und Autorin. Wie sie all das unter einen Hut bringt, verrät die 41-Jährige im Interview.
Charakteristische rote Haare und eine klare Haltung: Marleen Lohse (41) gehört seit über zehn Jahren zum festen Ensemble von "Nord bei Nordwest" und prägt die ARD-Erfolgsreihe als Tierärztin Jule Christiansen von Anfang an mit. Seit 2014 ist sie in dem Krimi zu sehen, der mit zwei neuen Filmen ("Pechmarie", Donnerstag, 29. Januar, 20.15 Uhr, und "Blindgänger", Donnerstag, 5. Februar, 20.15 Uhr) ins neue Jahr startet – und hat sich dabei nicht nur als Schauspielerin, sondern auch persönlich weiterentwickelt. Im Interview spricht die gebürtige Soltauerin, die 2022 ihren Sohn zur Welt brachte, über die Herausforderung, eine Figur über so viele Jahre lebendig zu halten, über ihren Alltag als berufstätige Mutter und die Erfahrungen, die sie als Kinderstar erlebte. Zudem verrät sie, was die Zuschauer und Zuschauerinnen von ihrem nächsten Schritt erwarten dürfen: ihre erste eigene Musiktour mit dem Debütalbum.
teleschau: Frau Lohse, 2026 gehen Sie mit Ihrer Tour "Wide Awake" erstmals umfangreich auf die Bühne – müssen "Nord bei Nordwest"-Fans Angst haben, Sie zu verlieren?
Marleen Lohse: Nein, das auf keinen Fall. Das lässt sich gut kombinieren. Ich werde weiter vor der Kamera stehen. Im Februar endet die Tour, zwei Tage später geht's direkt weiter mit den nächsten "Nord bei Nordwest"-Drehs. Also keine Sorge. Musik und Schauspiel sind zwei Kunstformen, die sich wunderbar ergänzen.
teleschau: Zwei neue Filme der "Nord bei Nordwest"-Reihe stehen an. Was dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten?
Lohse: Natürlich gibt's wieder den typischen Schwanitz-Charme und das ewige Hin und Her in dieser Dreier-Konstellation – das bleibt. Unser liebenswertes Ensemble ist zurück, und ich mag es sehr, diese vertrauten Figuren immer weiter und in neuen Facetten kennenzulernen. Und natürlich wird es spannend. Leider taucht auch wieder die ein oder andere Leiche auf – das bleibt in Schwanitz nicht aus. So idyllisch es aussieht, es sterben ständig Menschen. Und wir sind da, um das zu klären.
teleschau: Ohne Verbrechen wäre es auch kein echter Krimi ... Was ist es, das hierzulande so an diesem Genre fasziniert?
Lohse: Krankenhausserien und Krimis – ja, das lieben die meisten. Krankenhäuser und Polizeistationen sind Bereiche, mit denen man im besten Fall wenig zu tun hat. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: Wir schnuppern in eine sonst verborgen bleibende Welt hinein. Dieses Kribbeln, diese Spannung. Gerade bei Krimis kommt hinzu, dass jemand jemandem auf die Schliche kommt, wir rätseln alle mit – das ist einfach unterhaltsam. In Schwanitz kommt noch das norddeutsche Flair und die vertrauten, eigensinnigen Figuren dazu. Das macht den Reiz aus.
teleschau: Auch für Sie als gebürtige Soltauerin?
Lohse: Ja, ich fühle mich als Nordlicht in der Reihe sehr zu Hause. Auch wenn ich seit 20 Jahren in Berlin lebe, bleibt der Norden meine Heimat – unter anderem wegen meiner Familie und meinem Mann. Es ist schön, dass ich jobbedingt viel Zeit hier verbringen und meine Angehörigen sehen kann. Der Humor, der Dialekt – das liegt mir einfach.
"Zweifel gehören dazu"
teleschau: Wie fühlt es sich an, Teil eines solchen Dauerbrenners im TV zu sein?
Lohse: Ich verbinde damit weder Euphorie noch Druck, sondern eher ein Gefühl von Aufgehobensein. Wir dürfen in der Reihe viel ausprobieren: Eine Folge mit Zeitebenen, eine mit Hauke im Koma, in der ich plötzlich Polizistin bin. Solche Spielereien sind nur möglich, wenn das Team Vertrauen zueinander hat. Wir kennen uns lange, wissen, wie der andere tickt – da muss ich mich nicht mehr warmlaufen. Es nutzt sich nicht ab, im Gegenteil, es wächst. Neue Autorinnen wie Mariann Kaiser und tolle Gastschauspielerinnen und -Schauspieler bringen frischen Wind ans Set.
teleschau: Neue Herausforderungen bleiben nicht aus: Für den Film "Pechmarie" mussten Sie Gebärdensprache lernen – wie schwer ist Ihnen das gefallen?
Lohse: Ich hatte ein tolles Team und einen Lehrer, der mir Videos zu allen Buchtexten erstellt hat. Anfangs war ich total euphorisch und wollte alles lernen, aber es ist wahnsinnig komplex. Also habe ich mich auf meine Texte und Szenen konzentriert – das war Herausforderung genug. Es freut mich, dass immer etwas Neues auf mich wartet. Gleichzeitig fordert es mich aber auch.
teleschau: Sie gelten hierzulande als eine der vielseitigsten Schauspielerinnen Ihrer Generation. Hatten Sie seit Ihrem Start als Kinderstar nie Zweifel?
Lohse: Doch, absolut. Zweifel gehören dazu, angesichts der Unstetigkeit und der Aufgaben, die einen mitunter überwältigen. Eigentlich wollte ich Malerin werden, später dann Regisseurin. Dann studierte ich in Potsdam-Babelsberg Schauspiel und bin ans Maxim-Gorki-Theater gegangen. So hat sich mein Berufswunsch gefestigt. Aber Zweifel kommen immer wieder.
teleschau: Wie gehen Sie damit um?
Lohse: Ich führe mir vor Augen, wie abwechslungsreich mein Beruf ist und welche Möglichkeiten er mir bietet. Gerade habe ich einen Film abgeschlossen, in dem ich eine Hauptrolle spiele: "Die Frau ohne Namen" ist ein Thriller, für den ich auch die Geschichte mitentwickelt habe. Neben der Bühne arbeite ich zeitweise noch als Sprecherin, zum Beispiel bei "TKKG" oder den "Drei Fragezeichen". Dieser Beruf eröffnet mir ständig neue Wege, Geschichten zu erzählen – und genau das war mir immer wichtig. Ich bin allerdings viel unterwegs, was als Mutter zugegeben besonders turbulent ist.
"Plötzlich nimmt das Leben Fahrt auf, und hundert Dinge passieren gleichzeitig"
teleschau: Wie meistern Sie den Spagat zwischen Beruf und Familie?
Lohse: Manchmal muss ich einfach loslassen. Ich kann eben doch nicht alles planen (schmunzelt): Plötzlich nimmt das Leben Fahrt auf, und hundert Dinge passieren gleichzeitig. Im Herbst wurde der Film gedreht, an dem ich mitarbeiten durfte, und gleichzeitig kam mein Album heraus, an dem ich jahrelang geschrieben habe. Da helfen gute Absprachen, Menschen, die mich daran erinnern, was wichtig ist, und eine große Portion Durchhaltevermögen. Es gibt ja auch wieder ruhigere Phasen. Das gehört zum Job, der läuft immer in Intervallen. Außerdem flüchte ich mich hin und wieder in meine Ruheinseln: das Laufen und die Badewanne.
teleschau: Und Ihre Familie macht da problemlos mit?
Lohse: Ja, mein Mann und ich sind ein eingespieltes Team. Er hält mir den Rücken frei. Unser Sohn war auch mit am Set und unsere Eltern haben uns tatkräftig unterstützt. Es geht alles – Besenstrich für Besenstrich. Erst wirkt es, als wäre es nicht zu schaffen, und dann klappt es eben doch.
"Mutig sein heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst weiterzugehen"
teleschau: Wie kamen Sie in all dem Trubel zur Musik als zweites Standbein?
Lohse: Die Musik war eigentlich schon vor der Schauspielerei da. Schon als junges Mädchen schrieb ich Songs, später gründete ich mit einem Kameramann eine Coverband. Dann performte ich mit einem langjährigen Freund, wir spielten auf kleinen Bühnen in Berlin, wohl mehr für uns (schmunzelt). Für den Film "Cleo" durfte ich schließlich den Titelsong singen – das war ein kleiner Meilenstein. In der Musik steckt mehr Persönliches als vor der Kamera: An Filmsets gibt es stets die Möglichkeit für einen weiteren Take. Die Texte sind vorgegeben, ich schlüpfe in eine Rolle. In der Musik hingegen liegt etwas Unmittelbares. Sie ist persönlicher und ein direkter Ausdruck meiner selbst.
teleschau: Heutzutage ist es sehr schwer, sich von anderen ambitionierten Musikern abzuheben.
Lohse: Das stimmt. Ursprünglich wollte ich auch nur ein Coveralbum aufnehmen. Dann habe ich die Melodie eines Patti-Smith-Textes verändert, und mir war klar, dass es sich dabei nicht mehr um ein klassisches Cover handelt. Also dachten mein Produzent Andi Fins und ich: Dann können wir auch eigene Lieder schreiben. So ist Stück für Stück ein ganzes Album entstanden – während meiner Schwangerschaft und in den ersten Monaten mit Kind. Es ist wie ein Tagebuch dieser Zeit. Eigentlich geht es darin um meinen kleinen Sohn. Das Album hat mir dabei geholfen, die Umbrüche einzuordnen, und jetzt freue ich mich, es mit allen teilen zu können. Auf der Bühne entsteht noch einmal etwas ganz Eigenes. Ich bin sehr gespannt.
teleschau: ... und laut eigener Aussage auch noch sehr nervös. Wie passt das zu Ihrem Rampenlicht-Ich?
Lohse: Ja, das weiß ich manchmal selbst nicht (lacht). In mir leben diese zwei Seiten. Ein Teil von mir teilt gerne und schöpft Kraft aus der Reaktion anderer, aus dem Miteinander. Der andere Teil ist menschenscheu und braucht Rückzug, um Neues zu erschaffen, das ich dann wiederum teilen kann. Ich frage mich manchmal, wie es dazu kam. Aber ich liebe dieses Prickeln, diesen Job, er gibt mir viel zurück. Mutig sein heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst weiterzugehen. In solchen Momenten fühle ich mich lebendig – und darum geht es schließlich.
"Es gab gar nicht so viel Raum, abzuheben"
teleschau: Trotz Ihres Erfolgs wirken Sie sehr bodenständig. Wie schaffen Sie es, sich in einer so lauten und schnelllebigen Branche diese Erdung zu bewahren?
Lohse: Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schon so lange dabei bin. Seit meinem zwölften Lebensjahr stehe ich vor der Kamera. Das kam nicht über Nacht. Ich musste schon früh im Leben viel Disziplin zeigen. Meine Eltern sagten mir immer: "Du bist ein ganz normales Schulkind, das eben das Glück hat, in einer Serie zu spielen." Das war mir immer sehr bewusst. Es gab gar nicht so viel Raum, abzuheben – ich musste vorbereitet sein, pünktlich und verlässlich. Das hat mich erwachsen werden lassen, und ich verlor dabei nie den Boden unter den Füßen.
teleschau: Bereuen Sie es heute, dass Sie so früh erwachsen werden mussten?
Lohse: Nein, ich durfte trotzdem Kind sein. Wir konnten uns ausprobieren, reiten und viel erleben. Vieles holte ich mir später einfach zurück. Ich musste oft in den Sommerferien drehen, habe dann aber nach der Schule mit dem ersparten Geld lange Reisen gemacht. Ich war eineinhalb Jahre unterwegs, lernte Wellenreiten und erlebte viele Abenteuer. Das genoss ich sehr. Ich weiß nicht, wie es anders gewesen wäre, aber für mich ergibt das alles Sinn. In meinem Beruf darf ich viel spielen und meiner Neugierde nachgeben – mein inneres Kind ist gut versorgt.
teleschau: Was bedeutet für Sie heute Erfolg?
Lohse: Ich glaube, dass Menschen, mit denen ich gerne zusammenarbeite, sich konzentriert einer Geschichte widmen, die uns interessiert und inspiriert. Erfolg und Glück liegen dabei oft nah beieinander. Das ist eine Frage der Perspektive. Für mich bedeutet Glück, den Fokus auf das zu legen, was ich habe, und Dankbarkeit zu kultivieren – für die Umstände, in denen wir leben. Für mich bedeutet glücklich zu sein, überhaupt erst die Fähigkeit zu haben, Zufriedenheit zu verspüren. Und gesund zu sein und eine Familie zu haben.
"Mein Sohn hat mich gelehrt, authentisch mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen"
teleschau: Sie sind seit 2022 Mutter. Wie hat sich Ihre Sicht auf Ihre Karriere durch die Mutterschaft verändert?
Lohse: Ich glaube, mein Sohn hat mich gelehrt, authentisch mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Er war ein großer Teil des Albums. Ich wollte ihm später nicht sagen: "Ich hätte fast ...", sondern: "Ich habe es gemacht." Durch ihn bin ich mutiger geworden, meine Projekte wirklich durchzuziehen.
teleschau: Anders als viele Ihrer Branchenkollegen und -kolleginnen halten Sie Ihr Privatleben aus den sozialen Netzwerken eher heraus.
Lohse: Ja, ich trenne das komplett. Meine Familienmitglieder sollten auch mit ihren eigenen Entscheidungen, die die Online-Welt betreffen, ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Wenn mein Mann online präsent sein möchte, ist das für mich in Ordnung. Aber ich glaube, dass wir uns damit angreifbar machen. Ich möchte, dass mein Mann und vor allem mein Kind geschützt sind.
teleschau: Was würden Sie davon halten, wenn Ihr Sohn später einmal ins Rampenlicht treten möchte?
Lohse: Ich liebe den Beruf. Wenn er die Leidenschaft dafür hat, stehe ich ihm nicht im Weg. Aber ich würde ihm diesen Beruf auch nicht ans Herz legen. Er soll seinen eigenen Weg finden und ich möchte ihn dabei begleiten.
teleschau: In welcher Stimmung starten Sie nun angesichts der kommenden Projekte ins neue Jahr?
Lohse: Ich habe großen Respekt davor, einen ganzen Tour-Abend zu stemmen. Aber ich bin ja nicht allein, sondern darf mich auf eine großartige Band verlassen. Schon auf der Philipp-Poisel-Tour, bei der wir als Vorband auftraten, war das Publikum sehr wohlwollend und respektvoll. Ich hoffe, das wird auch ohne Mega-Star bei uns genauso (schmunzelt). Aber klar, ein bisschen Angst ist auch dabei. Das ist kein schlechtes Gefühl, sondern es pusht.
teleschau: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute mit auf den Weg geben?
Lohse: Wenn ich meinem 20-jährigen Ich einen Rat geben könnte, wäre es der: Ein gebrochenes Herz heilt. Zwar fühlt es sich zunächst an, als würde die Welt untergehen, doch das tut sie nicht. Und meinem 40-jährigen Ich würde ich gern noch einmal mein 20-jähriges Ich zur Seite stellen – so mutig, frei und wild. Vielleicht inspiriert das dazu, wieder etwas lockerer zu sein.
