M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Daniel Günther und die Wutbürger Puppenkiste

Published 3 hours ago
Source: stern.de
M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Daniel Günther und die Wutbürger Puppenkiste

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther will die Plattform Nius verbieten? Stimmt nicht – wäre den Krawallmachern aber nur recht.

Na, heute schon getobt? Sind Sie schon aufgestanden mit dem Gefühl, gegängelt zu werden und über die Zustände nichts mehr sagen zu dürfen? Dann sind sie wohl in großer Gesellschaft. Denn laut Umfrage glauben gerade einmal 41 Prozent der Befragten, sich frei äußern zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das ist ein dünner Wert, und ständig kommt ein neuer Baustein für dieses Bedrohungsszenario hinzu.

Neulich ließ sich Daniel Günther bei Markus Lanz über die Gefahren sozialer Netzwerke aus. Die Frage, ob man die Social Media-Nutzung für unter 16-Jährige verbieten sollte, beantwortete er mit "Ja". In diesem Kontext kam er auch auf Medienplattformen wie Nius zu sprechen, die er als "faktenfrei" und "Feinde der Demokratie" bezeichnete. Falls Sie Nius nicht kennen: Stellen Sie sich die "Bild"-Zeitung vor, ziehen Anstand, Witz und presserechtliche Standards ab und addieren mit Julian Reichelt den ehemaligen "Bild"-Chefredakteur, der dort wegen fragwürdiger Methoden gefeuert worden war.

Daniel Günther und die Zensurdebatte

Was folgte, war allgemeines Getöse, eine Zensurdebatte und die Behauptung, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident wolle Nius verbieten. Von Wolfgang Kubicki bis zu so ziemlich allen Springer-Publikationen sprangen viele auf das Thema an. Ein Clip aus der Lanz-Sendung, der insinuierte, dass Günther "Ja" zum Verbot gesagt habe, machte die Runde. Allein, er war halt so geschnitten, dass es zur Empörung passte. In dieser Abfolge gefallen sind die Worte bei Lanz nie. Der Radikalisierungsfachwirt Reichelt rieb sich die Hände. Etwas Besseres, als dass ein hochrangiger CDU-Mann seine Wutbürger Puppenkiste im Abendprogramm erwähnte, konnte ihm gar nicht passieren.

Seit Tagen diskutieren zwei Lager unversöhnlich drüber, ob Günther es bei Lanz nicht doch so gemeint haben könnte, das missliebige Online-Magazin zu verbieten. Das Elend aus der Fußballbundesliga, es hat auch im Journalismus Einzug gehalten: der Videobeweis. Dabei kriegt da draußen eigentlich kaum jemand etwas von diesem Thema mit, es bleibt eine weitere mediale Selbstbespiegelung. Hängen bleibt nur ein Raunen, "dass da wohl irgendein Magazin verboten werden soll, das zu regierungskritisch ist." Das passt Reichelt mit seinem AfD-nahen Zorn-Inkubator gut in den Kram. Der Laden lebt davon, eine dauerhaft erregte Stimmung anzuheizen, die da oben als grundsätzlich unfähig und sich selbst als politisch Verfolgte zu inszenieren.

Das Zeitalter des Revanchismus

Jetzt muss man fairerweise sagen: Dinge aus dem Kontext zu reißen und sie als verzehrfertige Snacks der eigenen Blase vorzusetzen, ist kein Alleinstellungsmerkmal rechter Krawallplattformen. Das haben die Linken in moralischer Präpotenz auch gut hingekriegt. Und in ihrer Korrektheitsüberreizung Anfang der 2020er weidlich zu der Welle beigetragen, die Reichelt und seine Leute nun lustvoll abreiten.

Es ist das Zeitalter des Revanchismus. Bei Trump ist es Staatsform, bei uns bislang nur ein mediales Geschäftsmodell. Die vulgär-stumpfe Gegenöffentlichkeit. Ist das Journalismus? So sehr wie das Rewe-Einkaufsradio: Du bist schon bewusst in den Laden reingegangen und freust dich darüber, mit billigen Angeboten beschallt zu werden. Am Ende sind solche Platt-Formen für die Information das, was Energydrinks für die Ernährung sind: Schrott. Wer weiß, was drin ist, schüttet sich das Zeug nicht literweise rein. Zu viel davon ist nicht gut fürs Herz. Muss man nicht verbieten. Aber wenn man sich selbst was wert ist, tut man sich's besser nicht an.

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