Unruhige Silvesternacht in NRW: Zwei 18-Jährige sterben in Bielefeld bei Unfällen mit selbstgebauter Pyrotechnik. Dächer und Gebäude brennen. 22 Polizisten werden verletzt.
Zwei Tote, Brände, eskalierte Feiern und zahlreiche Angriffe auf Einsatzkräfte haben Polizei und Feuerwehr in der Silvesternacht in Nordrhein-Westfalen viel abverlangt. Gleich zwei tragische Unglücke ereigneten sich in Bielefeld. Dort kamen zwei 18-Jährige unabhängig voneinander bei Unfällen mit selbstgebauter Pyrotechnik ums Leben.
Die beiden jungen Männer erlitten tödliche Gesichtsverletzungen, wie die Polizei mitteilte. Ein Vorfall ereignete sich im Stadtteil Baumheide. Dort starb der Mann den Angaben zufolge noch am Unfallort. Ein weiterer junger Mann erlitt dort nach Angaben der Polizei leichte Verbrennungen und wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Der zweite 18-Jährige erlag seinen Verletzungen nach Reanimationsversuchen im Krankenhaus. Er war im Stadtteil Brake verunglückt. Um welche Pyrotechnik es sich handelte, wurde nicht mitgeteilt. Bislang liegen den Angaben zufolge keine Hinweise auf ein Fremdverschulden an den Unfällen vor.
Gefährlicher Vorfall in Düsseldorf
In der Landeshauptstadt Düsseldorf wurde ein Mann bei einer Messerstecherei in der Altstadt am frühen Neujahrsmorgen lebensgefährlich verletzt. Einsatzkräfte hätten den Mann und den 17-jährigen Haupttatverdächtigen mit der mutmaßlichen Tatwaffe in der Hand angetroffen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Bei der Auseinandersetzung seien neben einer Stichwaffe auch Flaschen eingesetzt worden. Der Verletzte wurde zur intensivmedizinischen Versorgung in ein Krankenhaus gebracht. Der 17-jährige Tatverdächtige und zwei weitere Personen wurden festgenommen.
Herausfordernde Einsätze für die Polizei
Landesweit rückten Polizei und Feuerwehr zu Hunderten Einsätzen aus. 22 Polizistinnen und Polizisten wurden während des Dienstes leicht verletzt, wie das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW in einer vorläufigen Bilanz erklärte. Die Zahl habe sich damit im Vergleich zum vorangegangenen Jahreswechsel um fünf Verletzte erhöht. Insgesamt seien aber weniger Angriffe auf Polizeikräfte registriert als noch im Vorjahr. Insgesamt habe es 30 gegeben - neun weniger als in der Silvesternacht von 2024 auf 2025.
"Die Polizei war gut vorbereitet und konnte viele Chaoten bereits frühzeitig aus dem Verkehr ziehen und ihnen Grenzen aufzeigen", erklärte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Dennoch bleibe es "erschütternd", dass es erneut zahlreiche Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte gegeben habe.
Unkontrolliert herumfliegende Pyrotechnik, Brände von Gartenlauben bis zu Wohnhäusern, Sachbeschädigungen sowie Streitigkeiten und Körperverletzungen hielten die Einsatzkräfte in Atem.
In Bonn lieferten sich Menschen im Stadtteil Tannenbusch für knapp zwei Stunden ein Scharmützel mit der Polizei. Mit Pyrotechnik beschossen sie Gebäude, Fahrzeuge und Einsatzkräfte. "Es ging sehr, sehr lebhaft zu", sagte ein Sprecher. In Köln meldeten Anrufer, dass eine Personengruppe "wahllos" auf vorbeifahrende Autos schieße. Die Polizei stellte bei einem Verdächtigen eine Schreckschusswaffe sicher.
In Köln jährten sich die Ausschreitungen der Silvesternacht 2015/16 zum zehnten Mal. Damals wurden zahlreiche Frauen sexuell belästigt. Seitdem steht der Innenstadtbereich rund um den Dom unter besonderer Beobachtung.
Insgesamt wurden in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens sowie im benachbarten Leverkusen 29 Personen in Gewahrsam genommen und Ermittlungsverfahren eingeleitet - unter anderem wegen Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und sexueller Belästigung. In Leverkusen wurde ein 33-Jähriger nach einer mutmaßlichen Auseinandersetzung in einer Gaststätte mit Stichverletzungen in ein Krankenhaus gebracht.
In Essen erlitt ein Polizeibeamter ein Knalltrauma, als in seiner Nähe ein Böller explodierte.
In Mechernich überschlug sich ein Auto und blieb auf dem Dach liegen. Ein Alkoholtest bei dem 34-jährigen Fahrer ergab laut Polizei einen Wert von 2,28 Promille.
Schüsse aus Schreckschusspistolen
In Hagen feierten auf mehreren Plätzen große Menschengruppen. Die Polizei sprach mehrere Platzverweise aus. Zudem stellten die Einsatzkräfte mehrere Personen fest, die Schüsse aus Schreckschusspistolen abfeuerten. Die Beamten stellten die Waffen sicher. Auch in anderen Städten wurde vereinzelt aus Schreckschusswaffen gefeuert.
In der Innenstadt von Recklinghausen richtete ein 17-jähriger Jugendlicher eine Feuerwerksbatterie in Richtung eines unbesetzten Streifenwagens. Die Polizisten konnten den jungen Mann stellen und nahmen ihn mit zur Polizeiwache.
Eskalation nach Streit auf Silvesterfeier
Nach einem Streit auf einer privaten Silvesterfeier in Kreuztal-Bockenbach (Kreis Siegen-Wittgenstein) soll ein 60-Jähriger drei Fußgänger mit Absicht angefahren haben. Ein 22-jähriger Mann habe schwere Verletzungen erlitten, teilte die Polizei mit. Zwei 23 und 25 Jahre alte Männer seien leicht verletzt worden. Auslöser war wohl der entlaufene Hund des 60-Jährigen, den Gäste der Feier gefunden hatten. Wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr wurde der alkoholisierte 60-Jährige zunächst vorläufig festgenommen und nach seiner Ausnüchterung wieder entlassen.
Brände in zahlreichen Städten
In vielen Städten musste die Feuerwehr ausrücken und Brände löschen. In den meisten Fällen vermutete die Polizei Feuerwerkskörper als Auslöser. Mehrere größere Brände forderten die Feuerwehr in Wuppertal. Im Stadtteil Cronenberg brannte eine Wohnung in der siebten Etage eines Mehrfamilienhauses komplett aus. Alle 52 Bewohnerinnen und Bewohner mussten das Haus laut Polizei verlassen.
In Hagen brannten gleich mehrere Dachstühle. Flammen eines brennenden Baumes griffen zunächst auf ein Haus und dann auf zwei Dächer benachbarter Gebäude über, wie die Polizei mitteilte. Verletzt wurde niemand. Die Gebäude brannten vollständig aus. Auch in anderen Städten wie Bottrop und Ottbergen bei Höxter brannten Dachstühle. In Solingen fingen Holzpaletten in einem Unterstand neben einem Firmengebäude Feuer.
In Meschede im Sauerland geriet der Wintergarten eines Einfamilienhauses in Flammen. In Köln-Weiden brannte es im 10. und 11. Stock eines Hochhauses. In Anrath bei Viersen brannten zwei Sportboote komplett aus. Zuvor hatte ein Zeuge in der Nähe laute Knallgeräusche, vermutlich von Böllern, gehört.
In Bönen (Kreis Unna) setzte vermutlich eine Silvesterrakete eine Trauerhalle auf dem dortigen Friedhof in Brand. Nach bisherigen Erkenntnissen durchschlug die Rakete eine Scheibe. Im Innenraum entzündete sich ein Gesteck aus Kunststoff. Ein Gebäudeschaden sei nicht entstanden.
In Duisburg wurden nach Angaben der Feuerwehr ein Feuerwehrfahrzeug sowie ein Gerätehaus gezielt mit Raketen beschossen. Ein Feuerwehrmann sei während eines Einsatzes durch einen gezielten Böllerwurf verletzt worden und habe ein Knalltrauma erlitten.
Böllerverbote missachtet
NRW hatte sich auf die Silvesternacht mit starker Polizeipräsenz eingestellt. Landesweit waren rund 7.600 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz. Etliche Städte richteten lokale Böllerverbotszonen ein. Nicht überall beachteten die Menschen die Verbote. So seien an der Rheintreppe am Burgplatz in Düsseldorf immer wieder Böller und Raketen in die Menschenmenge geworfen worden, berichtete der WDR. Mehrfach habe die Polizei eingreifen müssen.
Mehr als 100 Einsätze bewältigte die Feuerwehr Mönchengladbach zum Jahreswechsel. Beim Löschen eines Kleinbrandes wurde die Besatzung eines Löschfahrzeugs massiv mit Feuerwerkskörpern beworfen und mit Raketen beschossen. Die Polizei musste den Einsatz absichern.
In Dormagen-Hackenbroich eskalierte die Situation bei einer Versammlung von mehreren Hundert Personen. Als die Einsatzkräfte eintrafen, seien sie mit Pyrotechnik beworfen worden. Auch die Feuerwehr sei bei Löscharbeiten behindert worden. Als Unterstützungskräfte hinzugezogen wurden, konnte die Situation beruhigt werden. Mehrere Strafverfahren wurden eingeleitet.
Einen besonders ungewöhnlichen Vorfall erlebten Einsatzkräfte auf der Autobahn 1 bei Erftstadt. Dort fuhr ein Zwölfjähriger mit einem Auto in eine Baustelle. Die Schlüssel soll er zuvor in einem Wohnhaus in Köln entwendet haben. Mindestens fünf weitere Fahrzeuge wurden beschädigt, als sie über Trümmerteile fuhren, die auf der Fahrbahn lagen. Der Minderjährige erlitt unter anderem eine Verletzung an der Hand und kam ins Krankenhaus.
