Anschlag auf Weihnachtsmarkt: Gutachter: Magdeburg-Attentäter bleibt Gefahr für die Allgemeinheit

Published 1 hour ago
Source: stern.de
Anschlag auf Weihnachtsmarkt: Gutachter: Magdeburg-Attentäter bleibt Gefahr für die Allgemeinheit

Ein Gutachter warnt vor Taleb al-Abdulmohsen. Im Prozess gegen den Attentäter des Magdeburger Weihnachtsmarkts erklärte er, man müsse mit weiteren Gewalttaten rechnen.

Der Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt ist nach Überzeugung eines Sachverständigen weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit. Man müsse jederzeit mit weiteren Gewalttaten rechnen, sagte Gutachter Bernd Langer im Prozess gegen Taleb al-Abdulmohsen vor dem Landgericht Magdeburg und sprach sich für eine Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsverwahrung aus. "Er hat aus seiner Gewaltbereitschaft überhaupt kein Geheimnis gemacht", so der psychiatrische Sachverständige. In "fanatischer Weise" habe er weitere Taten angekündigt. 

Der 51-Jährige aus Saudi-Arabien sei in der Lage, Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen - aber auch, sie zu ignorieren, wenn sie seinem eigenen Interesse entgegenstünden, sagte Langer. Die Tat offenbare seine Bereitschaft, selbstbezogene Ziele durchzusetzen. Der Angeklagte habe dabei "als Herrscher über Leben und Tod Macht ausgeübt". 

Nach dem Gutachten des Sachverständigen ist der 51-Jährige schuldfähig und damit voll zur Verantwortung zu ziehen für seine Tat. "Es gibt genügend Indizien aus psychiatrischer Sicht, dass der Angeklagte ganz genau wusste, was er tat", so Langer. Seine Wahrnehmungsfähigkeit sei intakt gewesen. Der Tat sei eine lange Phase der Planung und Vorbereitung vorangegangen. Es handele sich in keinster Form um eine Affekttat.

Anschlag in Magdeburg: Sechs Tote und mehr als 300 Verletzte

Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg hatte Al-Abdulmohsen am 20. Dezember 2024 einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter weit über den Weihnachtsmarkt gelenkt. Der Mann war dabei mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde unterwegs. Fünf Frauen und ein neunjähriger Junge starben. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt. 

Der Angeklagte hatte nach seiner Tat Gespräche mit einem Psychiater abgelehnt. Der Sachverständige war deshalb an einer Reihe von Verhandlungstagen dabei und beobachtete dessen Verhalten. Zudem hatte er nach eigenen Angaben Einblick in die Ermittlungsakten.

Während seiner Ausführungen wurde der Angeklagte wütend und schimpfte laut in der Sicherheitskabine im eigens für den Prozess errichteten Interimsgebäude. Langer sprach zu dem Zeitpunkt über das Engagement des 51-Jährigen für Flüchtlinge und von einem "Konkurrenzkampf" zwischen ihm und einer Organisation, die der Angeklagte seit Jahren heftig kritisiert. 

Richter schaltet dem Angeklagten das Mikrofon ab

Nach erfolgloser Ermahnung zur Ruhe schaltete der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg das Mikrofon des 51-Jährigen ab, so dass der Gutachter seine Ausführungen zunächst bis zu einer Mittagspause fortsetzen konnte. Das Geschrei des Angeklagten war jedoch auch ohne Mikro aus der Sicherheitskabine heraus zu hören. Mehrfach schlug er mit der Hand auf den Tisch vor sich. Nach der Pause hatte sich der Angeklagte beruhigt.

Es war nicht das erste Mal, dass der Richter Al-Abdulmohsen das Mikro abdrehte. Richter Sternberg ergriff dies Maßnahme bereits in der Vergangenheit, weil der 51-Jährige immer wieder die Regeln der Verhandlung nicht einhielt und seine Sicht der Dinge ausschweifend darstellte.

Angeklagter sieht Verschwörung 

Der Angeklagte arbeitete bis zum Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter in Bernburg. Der 51-Jährige hat die Tat im Wesentlichen zugegeben. Er soll sein Medizin-Studium in Saudi-Arabien absolviert haben, in Deutschland erhielt er die Facharztanerkennung. 

2016 erhielt er Asyl als politisch Verfolgter. Eigenen Angaben zufolge wandte er sich vom Islam ab. Er stellt sich selbst als Aktivisten dar, der insbesondere saudischen Frauen in Asylfragen geholfen habe. 

In diesem Kontext entwickelte sich ein Konflikt, der in den Jahren vor der Tat eine maßgebliche Rolle spielte. Al-Abdulmohsen beschäftigten vermeintliche Vertuschungsaktionen von Polizei und Justiz sowie Korruption. Er warf deutschen Behörden mangelnde Hilfe für saudische Frauen vor. Der Angeklagte hatte viel Kontakt zu verschiedenen Behörden und wurde als sogenannter Vielschreiber eingestuft, wie der parlamentarische Untersuchungsausschuss im Landtag herausgearbeitet hat. 

"Vieles spricht dafür, dass sich der Angeklagte im Zentrum einer gegen ihn gerichteten Verfolgung sah", erklärte der Sachverständige vor Gericht. Bei dem 51-Jährigen habe sich immer mehr der Fokus von einer selbstlosen Flüchtlingshilfe zu einer Verfolgung vermeintlich krimineller Machenschaften durch deutsche Behörden ins Zentrum gerückt. 

Al-Abdulmohsen ist ein Narzisst

Langer beschrieb den Angeklagten als Narzissten. Er habe immer wieder Druckmittel genutzt, um seine Ziele zu erreichen - sei es, um im Mittelpunkt zu stehen oder Entscheidungen zu beeinflussen. Zu seinen Druckmitteln gehört auch ein Hungerstreik. Das Thema spielt auch in dem Prozess eine große Rolle. 

Der Angeklagte verweigerte immer wieder die Nahrung. Der Vorsitzende Richter Sternberg betonte jedoch von Beginn an, das Gericht werde sich dadurch nicht unter Druck setzen lassen. Am 18. Dezember dann gipfelte ein Hunger- und Durststreik des Angeklagten darin, dass er für nicht verhandlungsfähig erklärte wurde aufgrund der gravierenden gesundheitlichen Folgen. Das Gericht entschied, ohne den Mann aus Saudi-Arabien weiterzuverhandeln. Anfang Januar war er wieder beim Prozess dabei. Der Prozess wird am 9. Februar fortgesetzt.

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