Warmherzig, witzig und klug erzählt Simon Verhoevens Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" über Liebe, Verlust und Neuanfang.
Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Simon Verhoeven (53, "Willkommen bei den Hartmanns") hat ein feines Gespür für Tonlagen, die das Leben in all seinen Widersprüchen erfassen. Sein neuer Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Was als tragische Coming-of-Age-Geschichte beginnt, entfaltet sich zu einer warmherzigen und zugleich pointierten Hommage an bezaubernd schrullige Großeltern, an das Theater und an den Mut, in einer chaotischen Welt zu sich selbst zu finden.
Die feinfühlig und detailverliebt inszenierte Tragikomödie, die am 29. Januar in den Kinos startet, basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller Joachim Meyerhoff (58). Im dritten Band seiner Familiensaga setzt er seinen Großeltern ein literarisches Denkmal - der Schauspielerin und Falckenberg-Lehrerin Inge Birkmann (1915-2004) sowie dem Philosophen und früheren Bildungsrats-Vorsitzenden Hermann Krings (1913-2004).
Senta Berger und Michael Wittenborn bezaubern als exzentrische Großeltern
Als junger Joachim, der überraschend an der renommierten Münchner Schauspielschule angenommen wird, überzeugt der Hamburger Schauspieler Bruno Alexander (27, "Die Discounter"). Zwischen exzentrischen Übungen, schrägen Lehrproben - "Ich muss nächste Woche Effi Briest vortragen, als Nilpferd" - und dem ewigen Zweifel, ob er hier überhaupt richtig ist, tastet er sich durch eine Welt, die ebenso glanzvoll wie gnadenlos erscheint. In der Villa seiner Großeltern findet er dabei eine zweite Bühne - und ein liebevoll gezeichnetes, skurriles Paralleluniversum.
Filmstar Senta Berger (84) und ihr vielfach ausgezeichneter Kollege Michael Wittenborn (72, "Im Westen nichts Neues") verkörpern Inge Birkmann und Hermann Krings mit großer Hingabe, spürbarer Wärme und feinem Sinn für Situationskomik. Wenn er gewissenhaft Tablette für Tablette einnimmt, während sie ihre Medikamente kurzerhand gesammelt schluckt - "Die wissen schon, wo sie hinmüssen" -, entsteht Humor, der zugleich zärtlich wirkt. Auch ihre morgendlichen Rituale wie etwa das gemeinsame Gurgeln, sind so eigensinnig und liebevoll gezeichnet, dass man dieses Paar sofort ins Herz schließt.
Ensemblequalität, die Verhoevens Filme auszeichnet
Während Joachim Ende der 1980er-Jahre an der Schauspielschule mit Aikido-Übungen, skurrilen Impros und einem fordernden wie verschrobenen Lehrkörper ringt - fabelhaft besetzt mit Anne Ratte-Polle, Victoria Trauttmansdorff und Karoline Herfurth -, erlebt er zu Hause große Gefühle zwischen Edvard Grieg, Schnapspralinen, alten Fotos und einem Treppenlift.
Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: Katharina Stark, Laura Tonke, Friedrich von Thun, Johann von Bülow, Devid Striesow, Moritz Treuenfels und ein wunderbar ironischer Tom Schilling tragen zu jener Ensemblequalität bei, die Verhoevens Filme stets auszeichnet.
Visuell bewegt sich "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" zwischen warmem Nostalgieglanz und heiterem Realismus. München erscheint als Stadt der Erinnerung und des Aufbruchs zugleich - die Theaterschule als Mikrokosmos der Sehnsucht. Bruno Alexander trägt diese Balance mit bemerkenswerter Reife. Seine Unsicherheit, sein Zögern und sein Wachsen wirken so authentisch, dass man seine Entwicklung mitfühlend begleitet.
Das Kunststück, Schweres leicht wirken zu lassen
Verhoeven gelingt das Kunststück, über ernste Themen mit Leichtigkeit zu erzählen. "Herr Moser ist gestern gestorben" - "Schon die fünfte Beerdigung dieses Jahres, sehr unerfreulich, dieses Sterben", plaudern die Großeltern beiläufig und wenden sich dann wieder ihrem Alltag zu. Tod, Verlust und Erwachsenwerden sind allgegenwärtig, verlieren jedoch durch poetische, philosophische und oft überraschend komische Momente ihren Schrecken.
Am Ende bleibt ein Film, der tröstet, weil er zeigt, dass die größte Lücke im Leben manchmal genau der Raum ist, in dem Neues entstehen kann. "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist witzig, wehmütig und klug - und ein filmisches Geschenk an alle, die das Leben lieben, weil es so unvollkommen ist - und an jene, die den Zauber im Älterwerden erkennen.
