Warum reicht es nicht, nur am Holocaust-Gedenktag Flagge zu zeigen? Peter Harry Carstensen spricht über Versäumnisse, Ängste jüdischer Bürger und den Umgang mit importiertem Antisemitismus.
Schleswig-Holsteins früherer Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) fordert ein härteres Durchgreifen gegen Judenhass in Deutschland. "Bei Jugendlichen kann man sicherlich noch etwas unternehmen, damit diese sich ändern. Aber bei Älteren müssen Schmierereien oder das Predigen von Antisemitismus zu Strafen führen", sagte Carstensen der Deutschen Presse-Agentur. Es bestehe ein zu großer Unterschied zwischen der gemeldeten Zahl antisemitischer Vorfälle und den tatsächlich verhängten Strafen.
Das Strafrecht müsse dafür nicht verschärft, sondern konsequenter angewendet werden, sagte Carstensen, der bis 2022 Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus in Schleswig-Holstein war. "Es muss dafür gesorgt werden, dass auch Strafen ausgesprochen werden." Antisemitismus sei in Großstädten wahrscheinlich wesentlich stärker ausgeprägt als auf dem Land.
Grenzen setzen
Notwendig sei es auch, das Gespräch mit Muslimen zu suchen, sagte der in der Nähe von Neumünster lebende Carstensen. "In Neumünster leben hundert Nationen relativ friedlich zusammen. Und natürlich haben wir dort aber auch Schwierigkeiten, auch einen importierten Antisemitismus. Deshalb ist es notwendig, dort genauso Grenzen zu setzen."
"Und es reicht auch nicht, nur am 27. Januar darüber zu sprechen und Schilder hochzuhalten, sondern wir müssen mehr auf die Straße gehen", sagte Carstensen. "Wir müssen uns des Problems stärker bewusst werden in der Bevölkerung." Der Holocaust-Gedenktag erinnert jedes Jahr am 27. Januar an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.
"Wenn ich höre, dass die jüdische Gemeinschaft an ihre Mitglieder nur Briefe in neutralen Umschlägen versendet, damit Nachbarn und Postboten und wer auch immer nicht weiß, dass das Juden sind, dann ist das peinlich für dieses Land", sagte Carstensen.
