ZDF-Moderatorin im Interview: "Früher war auch nicht alles rosig": Marietta Slomka blickt auf 25 Jahre beim "heute journal"

Published 1 hour ago
Source: stern.de
ZDF-Moderatorin im Interview: "Früher war auch nicht alles rosig": Marietta Slomka blickt auf 25 Jahre beim "heute journal"

Vor 25 Jahren war Marietta Slomka erstmal im "heute journal" zu sehen. Wie sie sich an die Zeit als junge Moderatorin erinnert, wie sie auf ihre Politiker-Interviews blickt und warum sie sich um die Demokratie sorgt, erklärt die 56-Jährige im Interview.

Wenn die Weltlage mal wieder unüberschaubar zu werden droht, strahlt sie als vertrautes Gesicht Zuverlässigkeit in die Wohnzimmer der Republik. Und das seit nunmehr 25 Jahren: Als Marietta Slomka am 29. Januar 2001 zum ersten Mal das "heute journal" im ZDF moderierte und die großen Zeitenwenden noch in der Zukunft lagen, war sie gerade einmal 31 Jahre alt. Seither hat sich viel getan, Kanzlerschaften, Kriege, Krisen, immer begleitet von der gebürtigen Kölnerin und studierten Volkswirtin, die zur neuen Grande Dame des deutschen Nachrichtenfernsehens avancieren sollte. Legendär waren im letzten Vierteljahrhundert vor allem ihre kritischen Interviews, die mit pointierten Fragen manchen Politiker – man denke an Sigmar Gabriel 2013 – so sehr aus der Fassung geraten ließen, dass irgendwann gar die Wortschöpfung "geslomkat" kursierte. Anlässlich ihres Jubiläums blickt die 56-Jährige zurück und in die Zukunft – und warnt vor der Verklärung der Vergangenheit ebenso wie vor aktuellen autoritären Entwicklungen.

teleschau: Frau Slomka, als Sie vor 25 Jahren ihr erstes "heute journal" moderierten, waren Sie schon gestandener Profi, aber erst 31 Jahre alt. Können Sie sich noch erinnern, was Sie vor der Premierensendung am meisten beschäftigte?

Marietta Slomka: Im Moderieren war ich kein gestandener Profi, ich hatte vorher nur eine kurze Vertretungszeit bei "heute nacht" gehabt. Das war für mich schon ein Sprung ins kalte Wasser. Und ich war natürlich entsprechend aufgeregt.

teleschau: Am Ende der Sendung dankten Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern fürs "Daumendrücken". Erinnern Sie sich an die Reaktionen danach?

Slomka: Ich habe es nicht noch mal nachgeschaut, aber es waren doch alle recht nett zu mir (lacht).

teleschau: Sie waren nicht nur sehr jung, sondern damals noch immer eine der wenigen Frauen in vergleichbarer journalistischer Position. Hatten Sie Role Models – und wie haben Sie dahingehend die Entwicklung in den letzten 25 Jahren wahrgenommen?

Slomka: An Vorbilder kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Aber erfreulicherweise hat sich da einiges verändert. Auch hinter den Kulissen auf hierarchischer Ebene, was vielleicht noch wichtiger ist. Ich hatte dann irgendwann endlich auch mal eine Frau als Chefin im "heute journal". Es gibt heute auch deutlich mehr weibliche CvDs als damals. Da hat sich viel getan.

"Es finden epochale Umbrüche statt"

teleschau: Wenn man sich so die politische Lage anschaut, könnte man in manchen Bereichen hingegen das Gefühl gesellschaftlichen Rückschritts haben. Sind die Zeiten auch aus journalistischer Perspektive wirklich so anders als noch vor einigen Jahren?

Slomka: Man muss aufpassen, dass man beim Blick in den Rückspiegel keine rosa Brille aufsetzt und denkt, dass früher alles besser war. Früher war auch nicht alles rosig, schon gar nicht, was die Weltlage angeht. Gerade wenn man sich aus unseren Breitengeraden entfernt und sich anschaut, was in anderen Weltregionen los war. Was ich aber im Moment merke, ist die Wucht der Ereignisse, die sich nicht hier und da mal, sondern gefühlt fast täglich abspielen. Es finden epochale Umbrüche statt, und wir leben in sehr, sehr bewegten Zeiten mit sehr grundsätzlichen Veränderungen.

teleschau: Gab es aus Ihrer Sicht Zäsuren, die diesen Epochenumbruch verdeutlichen?

Slomka: Ich habe den Eindruck, es gab so einige Zeitenwenden. Die Großereignisse häufen sich. Schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001, da war ich gerade erst in meinem neuen Job angekommen, fragten wir uns, ob das nun eine Zäsur war. Dann gab es natürlich die Corona-Pandemie, die in die Geschichtsbücher eingeht wie einst die Spanische Grippe. Und die russische Vollinvasion gegen die Ukraine war für uns in Europa definitiv eine Zeitenwende, das würde ich unbedingt so unterschreiben. Aus dem Blickwinkel einer Journalistin empfand ich es auch als Zäsur, als während der ersten Amtszeit von Trump eine Sprecherin des Weißen Hauses von "alternativen Fakten" sprach, als sie darauf hingewiesen wurde, dass ihre Aussagen nicht stimmten.

teleschau: Gerade mit Blick auf die USA sehen manche Beobachter seit einiger Zeit anti-demokratische Bestrebungen am Werk ...

Slomka: Wir haben in den USA eine demokratisch gewählte Regierung, die aber autokratische Ambitionen zeigt. Daraus macht auch Donald Trump selbst eigentlich keinen Hehl. Wenn er etwa sagt, er könne tun und lassen, was er will – und das einzige, was ihn beschränke, sei seine Moral. Oder wenn er sich wie ein König darstellt und der jeden, der ihn hinterfragt, beschimpft und bedroht. Im letzten Jahr sprach ich auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit einigen US-Amerikanern, die nicht zum MAGA-Lager gehören, die also als Republikaner oder Demokraten gegen Trump sind. Die wirkten noch relativ entspannt, verwiesen auf die ganzen Gerichte, die Verfassung, den Supreme Court und die Tatsache, dass das ja schon in der ersten Amtszeit so gewesen sei. Und ich fragte sie: "Seid ihr sicher, dass euch das schützen wird, dass ihr überhaupt die Zeit dafür habt?" Daraufhin erntete ich etwas erstaunte und irritierte Blicke. Ich befürchte, dass ich mit meinen Befürchtungen nicht ganz falsch lag.

teleschau: Sehen Sie auch die US-Medienlandschaft bedroht?

Slomka: Wir sehen, was diese Veränderungen für die Medien in den USA bedeuten. Da wird Pressefreiheit beschnitten, auch über Methoden, die eher finanzieller Art sind. Neu ist das nicht, man muss etwa nur nach Ungarn schauen. Das haben viele vielleicht nicht wahrgenommen, weil es das deutsche Publikum nicht so betrifft, aber dort konnte man sehen, wie so etwas funktioniert.

"Auch die Öffentlich-Rechtlichen kann man zerschlagen"

teleschau: Haben wir in Deutschland genügend Institutionen, Gesetze und Mittel, um eine solche Entwicklung zu verhindern?

Slomka: Ich glaube, dass ein unabhängig finanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunk wirklich wichtig ist. Aber machen wir uns nichts vor – auch die Öffentlich-Rechtlichen kann man zerschlagen. Wenn man Staatsverträge abschafft oder die Verfassung und das Grundgesetz angreift. All das wäre wohl möglich. Eine Demokratie braucht eben auch genügend Demokraten. Eine Bevölkerung, die Dinge sieht, wahrnimmt und abwehrt. Nur mit Gesetzen kommt man da im Zweifelsfall nicht weiter.

teleschau: Glauben Sie, dass es hierzulande zu US-Verhältnissen kommen könnte?

Slomka: Das wird man sehen müssen. Aktuell stehen wir, etwa mit Blick auf Grönland, vor der Frage, wie sich Europa aufstellt und wie resilient es ist. Nicht nur nach außen, sondern eben auch nach innen. Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber ich habe schon die Sorge, dass wir hier ähnliche Entwicklungen bekommen.

teleschau: Dazu gehört auch, dass großen Medien in Deutschland von mancher Seite als "Systemmedien" oder "Lügenpresse" diffamiert werden. Sind das noch immer Ansichten einer lauten Blase – oder inzwischen weiter verbreitete Meinungen?

Slomka: Es ist schon weit mehr als eine Blase. Wenn sich dieses Reden immer wiederholt und Kampagnen-artig einträufelt, hat das auch Wirkung. Ich denke nicht, dass wir davon unberührt sind. Und das bedrückt mich auch.

teleschau: Wirkt sich die diese Sorge auf Ihre Arbeitsweise aus, gerade was Interviews angeht? Die "raufboldigen" Politiker, von denen Sie einmal sagten, dass sie Ihnen die liebsten Gesprächspartner seien, scheinen derzeit Konjunktur zu haben ...

Slomka: Nein. An meiner Herangehensweise an Interviews hat sich in den letzten 25 Jahren eigentlich nichts verändert. Und wenn Sie es mit Politikerinnen und Politikern der Mitte zu tun haben, dann ist "raufboldig" ja auch nicht böse gemeint. Gemeint sind solche, die auch mal nach vorne gehen, mal kraftvoll zupacken in ihren Reaktionsmustern und ihrer Rhetorik. Das finde ich nicht verkehrt, im Gegenteil. Der entscheidende Punkt ist, ob man sich auf Diskurs einlässt, und ob es Politiker grundsätzlich akzeptieren, hinterfragt zu werden. Das ist der Knackpunkt.

"Es ist keineswegs so, dass ich jedes Interview super gelungen finde"

teleschau: Ihre Art, Interviews zu führen, waren in den letzten Jahren oft Thema. Ist es seltsam für Sie, darüber Auskunft zu geben?

Slomka: Das ist immer ein wenig eigenartig: Als Journalistin, die selbst Interviews führt, auch Interviews zu geben und selbst Gegenstand der Berichterstattung zu sein. Manchmal macht es einen auch verständnisvoller gegenüber anderen, die laufend Gegenstand der Berichterstattung sind. Wenn man einen anderen Blick auf sich hat und sieht, dass auch Quatsch über einen geschrieben wird. Aber es ehrt mich ja, dass sich Menschen für meine Arbeit interessieren.

teleschau: Hat sich das Reden über Ihre Interviews darauf ausgewirkt, wie Sie Interviews angehen?

Slomka: Eigentlich nicht. Es hat mich aber zum Teil dazu gezwungen, drüber nachzudenken: Was sind so die Punkte beim Interview? Wie ist die Spielaufstellung? Was ist der Unterschied zwischen Talk-Interviews und kurzen, in denen man schnell zum Punkt kommt? Wird man darüber öfter gefragt, reflektiert man mehr darauf. Darüber etwa, dass eine Asymmetrie herrscht, weil der Gesprächspartner immer mehr Wortanteile hat. Ich bereite mich im stillen Kämmerlein vor, und habe natürlich angesichts der weiteren Themen auch nicht so viel Zeit. Die Berichterstattung über meine Interviews beeinflusst mich im Arbeitsalltag aber nicht. Das wäre auch ganz falsch. Wenn ich mich jeden Tag unter Druck setzen würde, dass es ein ganz besonders grandioses Interview werden muss, würde ich wahrscheinlich eher verkrampfen.

teleschau: Aus Ihrer dennoch oft besonderen Art der Interviewführung entstand ja sogar eine eigene Wortschöpfung, wonach jemand "geslomkat" werden kann. Wissen Sie noch, wie es dazu kam?

Slomka: Ja. Das war in der Zeit, als die "Jamaika"-Sondierungen auseinanderbrachen. Das plötzliche Abbrechen der Gespräche durch Christian Lindner und die FDP führte damals dazu, dass man im politischen Berlin von "gelindnert werden" sprach. In der Situation hatte ich ein Interview mit Lindner, das natürlich kritisch geführt war. Und danach tauchte der Begriff auf, Herr Lindner sei "geslomkat" worden (lacht).

teleschau: Wann wurde Ihnen eigentlich bewusst, dass Interviewen Ihre Sache ist, Ihr Talent?

Slomka: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich war Korrespondentin und Reporterin in Brüssel, in Bonn und mit dem Regierungsumzug in Berlin. Da führte ich auch Gespräche mit Politikern, vor allem für O-Töne. Aber auch damals fragte ich schon kritisch nach. Dann machte mir "heute nacht" sofort Spaß, als ich das damals moderieren durfte, ohne zu ahnen, dass der damalige Chefredakteur das wohl schon als Probelauf betrachtete und schauen wollte, ob seine Vermutung zutrifft, ich könnte geeignet sein. Aber Aha-Momente gab es nicht. Interviews gehören zum journalistischen Handwerk einfach dazu.

teleschau: Haben Sie manchmal das Bedürfnis, nach einem besonderen Interview die Reaktionen darauf zu lesen?

Slomka: Die würden ja heutzutage sowieso auf einen hereinprasseln (lacht). Es ist keineswegs so, dass ich jedes Interview super gelungen finde. Meistens denke ich, oh, hättest du doch noch mehr Zeit gehabt. Oder: Diese eine Frage wolltest du doch eigentlich noch stellen. Meist ist es auch einfach redaktioneller Alltag, nicht jedes Interview macht Furore oder ist außergewöhnlich.

teleschau: Schauen Sie Ihre eigenen Sendungen im Nachhinein?

Slomka: Nein, eigentlich nicht. Nur, wenn es etwas Spezielles gab. Ansonsten gilt: Jeder Tag ist neu, und was gestern war, war gestern. Da gibt es dann wieder so viel zu tun in der Vorbereitung auf den aktuellen Tag.