Städtebau: Mega-City "The Line" wohl gescheitert – Saudis fahren Pläne zurück

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Städtebau: Mega-City "The Line" wohl gescheitert – Saudis fahren Pläne zurück

Auch Saudi-Arabien kann ein Projekt in den Sand setzen: Die Riesenstadt "The Line" bleibt wohl ein Traum. Aber es gibt schon Pläne, was aus dem Großprojekt nun werden soll.

170 Kilometer modernstes Stadtleben für bis zu neun Millionen Menschen: Schon bei der Ankündigung der Bandstadt "The Line", die am saudischen Golf von Akaba entstehen sollte, waren die Zweifel groß. Allein die logistischen Herausforderungen, Menschen, Maschinen und Material an den entlegenen Ort mitten in der Wüste zu bringen, wirkten größenwahnsinnig. Doch immer wieder präsentierte die saudi-arabische Regierung Bilder der Arbeiten, zeigte stolz die gigantische Baugrube und signalisierte der Welt: Hier entsteht etwas Unvorstellbares. Gleichzeitig erschienen jedoch auch Berichte von Insidern, dass das Projekt selbst für die wohlhabenden Saudis vermutlich ein paar Nummern zu groß sei.

Nun berichtet die "Financial Times", die erneut mit Insidern über das Projekt gesprochen hat, dass der Traum wohl zumindest in seiner ursprünglichen Form ausgeträumt sei – und selbst der oberste Entscheider Mohammed bin Salman eingelenkt habe. Es heißt, der Kronprinz stelle sich nun etwas "deutlich Kleineres" vor. Gemeint sei aber keine schlicht kleinere Stadt, sondern eine grundlegende Neuausrichtung des Projektes. Demnach plant Salman nun eine Serverfarm für KI-Anwendungen, sprich: eine Unterkunft für Computer und einige wenige Aufsichtspersonen.

"The Line" bekommt anderen Verwendungszweck

Offiziell verkauft das Land die Planänderung als cleveren Schachzug – und so schlecht ist die Baustelle für solch ein Projekt tatsächlich nicht gelegen. Durch die unmittelbare Küstenlage dürfte es einfacher sein, an kühlendes Wasser für die hitzeempfindlichen Chips zu kommen. Gleichzeitig bietet sich der Standort offenbar auch für den Ausbau von erneuerbaren Energiequellen an. Auch die brauchen dringend große Rechenzentren.

Die "Financial Times" schreibt aber auch, dass die Kehrtwende bei "The Line" finanzielle Gründe haben könnte. Demnach schmälerten niedrigere Ölpreise die Einnahmen des Königreiches und damit auch die Möglichkeit, hemmungslos zu investieren. Hinzu kommen zwei überaus kostspielige Großereignisse, die Saudi-Arabien sich ebenfalls gesichert hat: die Weltausstellung Expo 2030 in Riad und die Fußballweltmeisterschaft 2034.

"The Line" ist Teil einer Vision namens "Neom", die unterschiedlichste Bauvorhaben unter einem Dach vereint. Dazu gehören ein Skigebiet, zahllose Luxusresorts für Superreiche, eine Insel nur für Yachten und zahlreiche Industrieprojekte. 

"The Line" ist nicht das einzige Projekt in der Krise

Doch auch hier kriselt es stellenweise: Das Skigebiet namens Trojena sollte beispielsweise Austragungsort der Asiatischen Winterspiele 2029 werden, die Fertigstellung erfolgt aber wohl nicht termingerecht. Die BBC berichtete kürzlich, dass die Veranstalter die Spiele "ohne offiziellen Grund" auf einen ungenannten Zeitpunkt verschoben hätten – die Probleme auf der Baustelle liegen als Ursache nahe.

Das Konzept "Neom" sieht vor, Saudi-Arabien langfristig unabhängiger vom Öl und das Land attraktiver für den Tourismus und für Investoren zu machen. Für das Regime sind die Probleme der geplanten Projekte und die damit einhergehenden Änderungen oder Kürzungen zumindest offiziell Teil des Plans. Kronprinz Mohammed bin Salman kündigte bereits an, dass man nicht zögern werde, auch drastische Entscheidungen zu treffen, sollte es dem öffentlichen Interesse dienen.

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