Holocaust-Gedenktag: Hering: "Demokratiefeinde treten Frauenrechte mit Füßen"

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Holocaust-Gedenktag: Hering: "Demokratiefeinde treten Frauenrechte mit Füßen"

Seit 28 Jahren erinnert der rheinland-pfälzische Landtag am 27. Januar an die Opfer der NS-Diktatur. Erstmals stehen Frauen im Fokus. Landtagspräsident Hering appelliert eindringlich.

Die Schicksale verfolgter und ermordeter Frauen und Mädchen während des Nationalsozialismus hat der rheinland-pfälzische Landtag erstmals in den Mittelpunkt seines Gedenkens gestellt. Frauen "waren oft mehr noch als Männer belastet, ausgeliefert und gepeinigt", sagte Landtagspräsident Hendrik Hering in Mainz. "Sie wurden verfolgt, verschleppt - und vergessen." Dies sei aber nach 1945 lange nicht beachtet worden und müsse noch tiefer erforscht werden; auch Biografien aus Rheinland-Pfalz. 

Verantwortung für andere unter extremsten Bedingungen 

Viele Frauen seien in besonderer Weise sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen, sagte Hering. "Sie wurden zwangssterilisiert, um ihnen das Recht auf Mutterschaft zu nehmen. Sie wurden in Lager- und Wehrmachtsbordellen erniedrigt, für medizinische Experimente missbraucht, in ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit zerstört." Zugleich hätten sie unter extremsten Bedingungen und oft im Verborgenen Verantwortung für Kinder und Andere übernommen. 

Wer kennt das Straflager Flussbach?

Ein Beispiel für das Vergessen nach 1945 sei das Frauenstraflager Flussbach am Rande der Eifel, sagte Hering. "Für mich ist dieser Ort genauso Teil unserer Landesgeschichte wie das SS Sonderlager KZ Hinzert, das als reines Männerlager heute eine staatliche Gedenkstätte ist. Aber wer kennt Flussbach?" Übrig seien wenige Trümmer auf einer grünen Wiese. 

Auch Frauen im Widerstand seien lange zu wenig beachtet worden, sagte der Landtagspräsident. Erst 2019 habe der Bundestag beschlossen, sie offiziell zu würdigen. "Und auch der Landtag Rheinland-Pfalz erinnert erst seit wenigen Jahren mit einer Gedenktafel an Franziska Kessel, die jüngste Reichstagsabgeordnete der Weimarer Republik", sagte Hering. "1933 verteilte sie Flugblätter gegen die Nationalsozialisten, wurde verraten, verhaftet und misshandelt." Sie starb mit 28 Jahren in einer NS-Haftzelle nur rund 200 Meter vom Landtag entfernt.

Alarmzeichen erkennen

"Mit umso größeren Sorgen sehen wir aktuell wieder, dass rechtsextremistische Kreise ein autoritäres Rollenbild der Frau zelebrieren und weibliche Unterordnung als naturgegeben verkaufen", mahnte Hering. "Demokratiefeinde erkennt man auch daran, dass sie Frauen zurück an den Herd bringen, sie aus dem öffentlichen Raum drängen, sie politisch mundtot oder wirtschaftlich abhängig machen wollen. Demokratiefeinde treten Frauenrechte mit Füßen."

Regierung verabschiedet Konzept gegen Antisemitismus

Ministerpräsident Alexander Schweitzer mahnte vor vorschnellen Analogien, sagte aber auch: "Wir müssen aufpassen, dass wir die Anfänge nicht übersehen." Der SPD-Politiker forderte starken Widerstand gegen den zunehmenden Antisemitismus, auch in Rheinland-Pfalz. 

Der Ministerrat habe am Morgen ein Konzept "Gemeinsam handeln für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus" mit elf Handlungszielen beschlossen. Dazu gehöre der Ausbau von Prävention im Netz, ein verstärkter Kampf gegen Antisemitismus an Schulen und Hochschulen sowie mehr Geld für Begegnungen und Gedenkarbeit. "Wir wollen mehr machen, wir müssen mehr machen. Wir brauchen ein starkes Bündnis staatlicher und nicht-staatlicher Akteure." 

Die ehemalige Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, Insa Eschebach, betonte: "Offene demokratische Gesellschaften begeben sich in Gefahr, wenn sie die ihr eigene Vielstimmigkeit unterdrücken und beseitigen wollen." Die heutigen Kritiker der Demokratie seien keine Nazis, "aber sie bedienen sich ihrer Mittel". Angstmacherei vor allem gegenüber dem Fremden oder Transpersonen, Schüren des Nationalismus, Diffamierung politisch Andersdenkender als Volksfeinde nannte sie als Beispiele. Um solche Alarmzeichen zu erkennen, sei die Auseinandersetzung mit inhumaner Praxis in der eigenen Geschichte notwendig.

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