Die EU und Indien haben in ihrem Handelsabkommen eine deutliche Senkung der Zölle auf Produkte wie Autos, Wein und Pasta vereinbart. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der indische Premier Narendra Modi unterzeichneten das Abkommen am Dienstag in Neu Delhi. Die deutsche Industrie begrüßte das Abkommen, vor allem Autobauer und Chemieproduzenten hoffen auf steigende Exporte.
"Wir haben es geschafft", sagte von der Leyen nach der Unterzeichnung. Das Abkommen sei "eine starke Botschaft, dass Zusammenarbeit die beste Antwort auf globale Herausforderungen ist". Die EU will ein Zeichen für den freien Welthandel und gegen Handelshemmnisse aus Washington und Peking setzen.
Das Abkommen sieht einen schrittweisen Abbau der Zölle vor. In der Autoindustrie sollen die Aufschläge mit Inkrafttreten auf 35 Prozent sinken, auf Dauer soll ein Zollsatz von zehn Prozent gelten. Es gilt eine Obergrenze für die niedrigeren Zölle von insgesamt 250.000 Autos, davon 160.000 Verbrenner und 90.000 Elektroautos. Auch diese Obergrenze wird über zehn Jahre schrittweise eingeführt.
Darüber hinaus würden wieder die höheren Zölle fällig. Das sind für Autos im Wert von weniger als 40.000 Dollar (rund 33.700 Euro) bislang 66 Prozent, für teurere Autos gilt ein Aufschlag von 110 Prozent. Zehn Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens sollen zudem die Zölle auf Autoteile ganz wegfallen.
Der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) sprach von einem "enormen Potential" auf dem indischen Markt. "Indien ist für die deutsche Automobilindustrie ein zentraler Partner, ein wichtiger Produktionsstandort und wichtiger Zukunftsmarkt", erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Das Abkommen schaffe Verlässlichkeit für die Autobauer.
Indien profitiert insbesondere in seiner Textil-, Pharma- und Stahlindustrie von der Vereinbarung. Die EU gewährt indischen Stahlproduzenten nach Angaben eines Kommissionsbeamten künftig zollfreie Stahleinfuhren im Unfang von 1,6 Millionen Tonnen pro Jahr. Damit erhält Indien eine Ausnahme von den erhöhten EU-Stahlzöllen, die im vergangenen Jahr beschlossen wurden. Im Gegenzug sieht Indien den Angaben zufolge davon ab, wegen der Stahlzölle bei der Welthandelsorganisation (WTO) Beschwerde einzulegen.
Nach Angaben der EU-Kommission sollen außerdem die indischen Zölle auf Pharmaprodukte und Chemikalien deutlich sinken. Auch die europäische Landwirtschaft will mehr nach Indien exportieren. Die Zölle auf Wein sollen von bislang 150 Prozent deutlich sinken - auf 20 Prozent für teurere und 30 Prozent für günstigere Weine. Die Zölle auf Olivenöl, Pasta und Schokolade sollen ganz wegfallen.
Andere Agrarprodukte wie Rind-, Schweine- und Hühnchenfleisch sowie Reis und Zucker sind nicht Teil des Abkommens. In Europa ist die Vereinbarung deshalb deutlich weniger umstritten als etwa das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) begrüßte die Einigung als "neues Kapitel der europäischen Handelspolitik". Er erklärte, das Abkommen werde "neue Chancen für Wachstum und gute Arbeitsplätze" in Europa wie in Indien schaffen.
Indien ist mit rund 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde und dürfte Schätzungen zufolge in diesem Jahr zur viertgrößten Volkswirtschaft aufsteigen - die EU will sich einen Zugang zu dem Exportmarkt sichern. Umgekehrt ist die EU bereits Indiens größter Handelspartner.
Die EU bemüht sich um alternative Handelspartner, nicht zuletzt, seit US-Präsident Donald Trump mit seiner Zollpolitik für Probleme in der europäischen Exportwirtschaft sorgt. Mit Indien will die EU außerdem in der Cybersicherheit und der Terrorismus-Abwehr enger zusammenarbeiten.
