Mit VR-Brillen und realistischen Szenarien trainieren Hessens Polizisten Einsätze – auch für schwierige Situationen mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen.
Gießen, Maintal, Offenbach - gleich in mehreren Fällen bekamen es Polizisten in Hessen in den vergangenen Wochen mit Menschen in psychischen Ausnahmezuständen zu tun und setzten dabei auch Taser und in zwei Fällen Schusswaffen ein. Der Einsatz in der Psychiatrie des Universitätsklinikums Gießen und Marburg endete tödlich für einen Patienten einer geschlossenen Station. Wie werden Polizistinnen und Polizisten auf solche Szenarien vorbereitet?
Welche Rolle spielt das Thema Gewalt in der Polizeiausbildung?
Der Umgang mit Gewalt ist laut Hessischem Landeskriminalamt (HLKA) ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung angehender Polizistinnen und Polizisten. Dabei gehe es sowohl um den Selbstschutz als auch um den verantwortungsvollen Einsatz von Zwangsmaßnahmen im Polizeialltag. Auf Deeskalationsstrategien werde großer Wert gelegt, erklärte das HLKA: "Polizeianwärter werden darin geschult, Konflikte möglichst früh zu erkennen, Spannungen zu reduzieren und gewaltfreie Lösungen zu fördern."
Welche konkreten Inhalte enthält die Ausbildung?
Absolventinnen und Absolventen des Polizeistudiums begännen im zweiten Semester in dem für sie ersten fachpraktischen Studienabschnitt mit verschiedenen polizeilichen Szenarien-Trainings, erläuterte das HLKA. Dabei übten sie in verschiedenen Szenarien unter anderem den polizeilichen Umgang mit psychisch kranken Menschen, die auch gewaltbereit sind.
Welches Wissen über psychische Erkrankungen wird vermittelt?
Auch ihr theoretisches Wissen über psychische Erkrankungen schulen Polizeianwärter nach Angaben des HLKA. Dazu gehören grundlegende Kenntnisse zum Verständnis psychischer Erkrankungen, aber auch zu therapeutischen Behandlungsansätzen. "Die Studierenden werden dafür sensibilisiert, welche Bedeutung psychische Erkrankungen für den polizeilichen Alltag haben und wie sie polizeiliches Handeln beeinflussen können", so das HLKA. Auch lernten sie, mögliche Gefahrenlagen zu erkennen und in polizeiliches Handeln umzusetzen.
Welche kommunikativen Strategien werden erlernt?
Eine angemessene verbale und nonverbale Kommunikation gilt als entscheidend für die Polizeiarbeit - auch im Umgang mit psychischen Erkrankungen sei dies ein wichtiges Thema. Die Studierenden erlernen Strategien, um ihr eigenes Kommunikationsverhalten reflektiert, konstruktiv und konfliktreduzierend zu gestalten, wie es vom HLKA heißt. Denn auch in Ausnahmesituationen oder im Kontakt mit gewaltbereiten Menschen mit entsprechenden Krankheitsbildern sollen sie in der Lage sein, angemessen zu kommunizieren.
Was ist integriertes Einsatztraining und wie läuft es ab?
Realistische Darstellungen von Szenarien, dynamische Lagen, Stress, Interaktion mit anderen Einsatzkräften - das alles gehört zu sogenannten integrierten Einsatztrainings. Sie sind Grundbestandteil der Ausbildung von Polizeianwärtern und werden auch in den Polizeipräsidien fortgeführt. Reale Belastungssituationen würden dabei in konkreten Szenarien simuliert und die Trainings mit Videoaufnahmen begleitet. "Anschließend werden diese interdisziplinär ausgewertet und mit den Studierenden besprochen, um ihnen die jeweiligen Konsequenzen ihrer getroffenen Entscheidungen unmittelbar an diesem Beispiel aufzuzeigen."
Wie hilft moderne Technik beim Training?
Um auch schwer zu simulierende Einsatzlagen abbilden zu können, kann die hessische Polizei seit gut einem Jahr eine hochmoderne Anlage nutzen. Das Virtual Reality Trainingslager der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) bietet dafür die passenden Voraussetzungen. Über VR-Brillen werden Einsatzkräfte dort mit realitätsnahen Einsatzlagen und Umgebungen konfrontiert. Dazu gehören auch gefährliche Situationen, die in anderen Trainings nicht umsetzbar wären, etwa mit Kindern oder mit Tieren.
Was sagt die Gewerkschaft?
Eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, Angriffe auf Einsatz- und Rettungskräfte und mehr psychosoziale Problemlagen - die Herausforderungen für Polizistinnen und Polizisten wachsen, sagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jens Mohrherr. Aus seiner Sicht kommen Fortbildungen für Polizistinnen und Polizisten im Polizeialltag zu kurz, "weil wir volle Auftragsbücher haben, weil wir ein Personaldefizit haben, und weil die Dienstgruppen an der Belastungsgrenze sind."
Mit Blick auch auf Vorfälle mit Schusswaffengebrauch erklärt Mohrherr: "Keiner von uns schießt gerne." Polizistinnen und Polizisten, die so etwas erleben müssten, gehe es immer schlecht, weil sie mit dem Äußersten konfrontiert würden, was der Beruf zulasse - nämlich Gewalt anzuwenden und eine Waffe einzusetzen gegen Menschen. Das sei ein Worst-Case-Szenario, das kein Polizist erleben wolle in seiner Dienstzeit. "Wir sind eben nicht die Rambos in Uniform, die da rumlaufen und sozusagen warten, bis dann der nächste Schuss gesetzt werden kann, sondern im Gegenteil: Unsere schärfste Waffe ist eigentlich das Wort."
Was ist bei den genannten Vorfällen passiert?
Ein 33-jähriger Mann war am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Psychiatrie des Gießener Uniklinikums durch Polizeischüsse tödlich verletzt worden. Er hatte sich in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung in Behandlung befunden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gießen hatte er die Beamten mit einem sogenannten Scheckkartenmesser bedroht und angegriffen.
Auch in einem Offenbacher Krankenhaus löste kürzlich ein randalierender Patient einen Polizeieinsatz aus, bei dem ein Taser eingesetzt wurde. Der Mann wurde dabei leicht verletzt. Vor zwei Wochen wurde zudem ein 38-jähriger Mann, der ein Messer bei sich getragen haben soll, bei einem Polizeieinsatz in Maintal lebensgefährlich verletzt. Beamte hatten gegen den Mann unter anderem einen Taser und eine Schusswaffe eingesetzt. Der 38-Jährige soll sich zudem mit dem Messer selbst verletzt haben.
Unklar war bislang, ob die lebensgefährlichen Verletzungen durch die Schusswaffe oder das Messer beigebracht wurden. Gegen den Mann lief eine Fahndung wegen des Verdachts des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, der Bedrohung, Brandstiftung und des versuchten Totschlags. Auch der 38-Jährige soll mutmaßlich in einem psychischen Ausnahmezustand gewesen sein.
