Handball-EM: Matchball fürs Halbfinale: Besteht Wolff in der roten Hölle?

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Handball-EM: Matchball fürs Halbfinale: Besteht Wolff in der roten Hölle?

Deutschlands Handballer sind noch einen Sieg vom Medaillenspiel entfernt. Doch nun wartet mit Dänemark das beste Team der Welt – und ein Gegner, unter dem die DHB-Riege seit zehn Jahren leidet.

Die angereisten Fans feierten ihren Handball-Helden auch noch Minuten nach Abpfiff mit lauten Sprechchören. Seine Mitspieler überboten sich in Superlativen, als sie die Leistung von Andreas Wolff beschrieben. Von "phänomenal" über "Weltklasse" bis hin zu "der beste Torhüter der Welt" war alles zu hören. Rückraumspieler Marko Grgic brachte die 22 Paraden nach dem 30:28-Sieg über Norwegen schließlich unmissverständlich auf den Punkt: "Er hat uns einfach mal wieder den Arsch gerettet".

Am Ende stand eine Quote von 44 Prozent abgewehrter Bälle. Mal streckte Wolff das Bein fast im 180-Grad-Winkel nach oben, ein anderes Mal lenkte er die Harzkugel mit den Fingerspitzen am Tor vorbei. "Ich habe noch nie eine bessere Torwart-Leistung gesehen. Nicht von dieser Welt", schwärmte Abwehr-Monster Tom Kiesler. Und Bundestrainer Alfred Gislason scherzte: "Wenn er gesund bleibt, dann kann er auch bis 50 spielen".

Wolff kritisiert Teamkollegen: "Fehlende Cleverness"

Nur bei Deutschlands Erfolgsgaranten selbst wollte keine große Euphorie aufkommen. Denn noch hält Deutschland die erste EM-Medaille seit 2016 nicht in der Hand. Und Wolff weiß, dass am Montag (20.30 Uhr/ARD/Dyn) die schwerste Aufgabe im Welthandball wartet. Er allein kann sein Team nicht zum ersten Pflichtspiel-Sieg gegen die dänischen Überflieger seit zehn Jahren führen. 

"Man hat gesehen, dass die eine oder andere Szene mich nicht begeistert hat. Das Thema Abpraller zieht sich schon durch das gesamte Turnier. Und hier und da fehlende Cleverness – vorn wie hinten", kritisierte Wolff seine Teamkollegen und forderte: "Da müssen wir vor allem im Angriff eine Schippe drauflegen, weil die Dänen werden solche Fehler nicht ungestraft lassen." 

Die Ausgangslage: Bleibt Deutschland Gruppenerster?

Der vielversprechende Blick auf die Sechsergruppe lässt die deutschen Fans vom Halbfinale träumen. Schließlich führt die DHB-Riege die Tabelle mit sechs Punkten vor Frankreich und Dänemark (je 4) sowie Portugal und Norwegen (je 2) und Schlusslicht Spanien (0) an. Heißt: Der Olympia-Zweite hat zwei Matchball-Spiele und kann mit einem Sieg gegen Dänemark oder Frankreich (Mittwoch) das Halbfinalticket buchen.

Rückraumspieler Renars Uscins sprach von einem Privileg, noch ein Spiel vergeigen zu können. Und selbst Gislason, dem nach dem Serbien-Debakel schon das Trainer-Aus drohte, musste mit Blick auf die Ausgangslage lachend zugeben: "Hätte schlechter sein können. Das wissen wir doch alle". 

Die rote Wand wird zur Belastungsprobe

In Dänemark wartet der "Über-Favorit", wie Wolff die erfolgsverwöhnten Titelsammler aus dem Nachbarland bezeichnete. Es wartet außerdem eine gewaltige Kulisse von 15.000 Fans. Im Duell der Topfavoriten mit Frankreich lieferte die rote Wand einen Vorgeschmack, welche Lärmdimensionen möglich sind. Nicht umsonst gilt die Jyske Bank Boxen als "Hölle von Herning".

Für die DHB-Neulinge um Miro Schluroff mag das zur Belastungsprobe werden. Für andere ist es Ansporn: "Ich finde das richtig geil, gegen Tausende Zuschauer zu spielen. Das gibt mir was. Man genießt diese Stimmung, dieses Pfeifen, diesen Druck, den die Zuschauer machen", sagte Rückraumspieler Renars Uscins und erinnerte sich an das deutsche Olympia-Wunder von Lille: "Alle gegen sich zu haben, da habe ich schon in Frankreich ein geiles Spiel gehabt." 

Wann gab's den letzten Sieg gegen Dänemark?

Der letzte Sieg der deutschen Handballer gegen Dänemark liegt fast zehn Jahre zurück. Am 2. April 2016 gelang in Köln ein 33:26. Seitdem gab es nur noch Pleiten, die manchmal demütigend waren. Etwa im Finale der Olympischen Spiele 2024, als Deutschland beim 26:39 komplett zerlegt wurde. Oder bei der WM im Vorjahr, als Dänemark mit 40:30 über Knorr und Co. hinwegrollte. 

"Wir dürfen nicht so auftreten wie in den vergangenen Spielen gegen Dänemark, wo wir noch ängstlicher waren als gegen Portugal und Norwegen. Wir können den Dänen nur Paroli bieten, wenn wir in der Abwehr richtig hart und im Angriff eiskalt und konsequent sind", erklärte Wolff. 

Dänemark spielt gegen den EM-Fluch

Co-Trainer Erik Wudtke versuchte, dem Team Mut zu machen. "Wahrscheinlich verliert man neun von zehn Spielen, aber die Dänen wissen nicht, wann das zehnte ist." Doch wie bezwingt man eine Mannschaft, die nahezu unschlagbar ist? 

Das dänische Star-Ensemble, aus dem Welthandballer Mathias Gidsel, Torhüter Emil Nielsen oder Flensburgs Rückraumspieler Simon Pytlick noch herausragen, ist Olympiasieger und Weltmeister – und hat dennoch einen Makel: Bei Europameisterschaften tat sich die goldene Generation in den letzten Jahren schwer.

Der letzte Titel liegt bereits 14 Jahre zurück. Und das wurmt den Co-Gastgeber gewaltig. "Das ist ein großes Thema für uns. Wir wollen endlich dieses Turnier gewinnen", sagte Kapitän Magnus Saugstrup vom SC Magdeburg. Geheimnisse gibt es zwischen Dänemark und Deutschland nicht. Schließlich spielen fast alle Dänen in der Bundesliga. "Wir kennen die deutschen Spieler aus dem Alltag. Es ist ein kleines Finale gegen unsere Freunde", sagte Gidsel. Zur Primetime am Montag ruht die Freundschaft.

Categories

Andreas WolffDänemarkDeutschlandMatchballHandball-EMHalbfinaleDHBNorwegenFrankreichAlfred Gislason