Neu im Kino: "Die Stimme von Hind Rajab" - erschütternd, aber einseitig

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Neu im Kino: "Die Stimme von Hind Rajab" - erschütternd, aber einseitig

Die verzweifelten Hilferufe eines Kindes aus einem beschossenen Auto in Gaza brechen dem Publikum das Herz. Der Film gibt Kriegsopfern eine Stimme. Doch er zeigt nur eine Seite der Geschichte.

Es ist schwer zu ertragen, wenn das palästinensische Mädchen Hind Rajab vergeblich um Hilfe fleht. Während es sich in einem offenbar beschossenen Wagen in der Stadt Gaza zwischen getöteten Verwandten versteckt, telefoniert das Kind mit Freiwilligen des Palästinensischen Roten Halbmonds. "Holt mich!", ruft das verzweifelte Mädchen immer wieder. Ab und zu sind Schüsse im Hintergrund zu hören. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, von dem das Publikum schon weiß, dass er verloren ist.

Der nach Angaben der Regisseurin echte Audiomitschnitt ist das zentrale Element des Films "The Voice of Hind Rajab". Kaouther Ben Hanias Film ist teils dokumentarisch, teils fiktional. Er erzählt von den letzten Momenten im Leben des Kindes, das Ende Januar 2024 auf der Flucht mit mehreren Verwandten im Viertel Tel al-Hawa in der Stadt Gaza getötet wurde.

Publikum hört nur Hinds Stimme

Am Telefon schlägt Hind in typisch kindlicher Denkweise vor, dass die Mitarbeiterin der Notrufzentrale im mehr als 80 Kilometer entfernten Westjordanland ihren Mann bitten soll, sie zu ihr zu bringen. Denn sie hat Angst vor der Dunkelheit, die bald einsetzen wird. 

Das Mädchen war laut Angaben des Films zum Zeitpunkt ihres Todes sechs Jahre alt. In vielen Berichten heißt es dagegen, das Kind sei fünf gewesen. Das Publikum sieht Hind, genannt Hanood, während des gesamten Gesprächs nicht, sondern hört nur ihre Stimme, bis diese schließlich verstummt.

Doch ihre Worte allein reichen aus, um den vielen, teils sehr jungen Kriegsopfern im Gazastreifen eine menschliche Dimension zu geben, was leider viel zu selten passiert. Selbst palästinensische Medien beleuchten fast nie die Schicksale, die hinter den im Kampf zwischen Israel und der Hamas getöteten Palästinenser stehen. Unter den Opfern sollen auch viele Zivilisten sein.

Vorfall wird laut Israels Armee untersucht

Der Film legt nahe, dass Hind, ihre Tante, Onkel und deren Kinder sowie auch zwei später zu ihrer Rettung kommende Sanitäter von israelischen Soldaten getötet wurden. Israels Armee sagte jüngst auf Anfrage dazu, eine Militäreinheit, die zuständig für die Untersuchung ungewöhnlicher Ereignisse während des Krieges ist, prüfe den Vorfall derzeit. Wann mit ersten Ergebnissen zu rechnen ist, sagte das Militär nicht. 

Im Februar 2024 hatte die Armee mitgeteilt, dass sie zum Zeitpunkt des Todes des Mädchens im Viertel Tel al-Hawa im Einsatz gewesen sei. Die "Washington Post" zitierte im April 2024 Israels Armee jedoch mit den Worten, dass sich laut einer ersten Untersuchung Soldaten damals nicht in der Nähe oder Schussreichweite des Autos der Familie befanden.

Israels Militär beteuert, Kinder und unbeteiligte Palästinenser im Gazastreifen nicht gezielt anzugreifen. Die israelische Armee hat zudem wiederholt gesagt, sie versuche Zivilisten bei ihrem Kampf gegen die Hamas zu schonen. Es gibt jedoch immer wieder Berichte über getötete Zivilisten.

Film legt keinen Wert auf Ausgewogenheit

Der von Brad Pitt und Joaquin Phoenix mitproduzierte Film verzichtet gänzlich darauf, die israelische Seite wiederzugeben und Ausgewogenheit anzustreben. So wird auch der Grund für den Gaza-Krieg, das Massaker der Hamas und anderer Terroristen in Israel am 7. Oktober 2023, nicht erwähnt. Unter den Toten und aus Israel Entführten waren damals ebenfalls viele Kinder.

Die Tunesierin Ben Hania möchte das Leid der Palästinenser in den Fokus stellen. In nachgestellten Szenen, die mit den originalen Tonaufnahmen kombiniert werden, wird auch thematisiert, dass schon viele Helfer im Gazastreifen getötet worden sein sollen. Erklärt wird auch, wie kompliziert eine Rettung in Kriegszeiten in Gaza ist, die mit vielen Stellen koordiniert werden muss. Seit gut drei Monaten gilt im Gaza-Krieg eine Waffenruhe.

Helfer Omar will sich im Film nicht an die umständlichen Vorgaben halten, um Hind schnell und unbürokratisch aus dem Auto holen zu lassen. Der Koordinator der Rettung, Mahdi, wiederum argumentiert, der komplizierte Weg sei nötig, um die Retter zu schützen. Als der hitzköpfige Omar Mahdi im Streit schließlich sagt, wegen Menschen wie ihm seien die palästinensischen Gebiete besetzt, will das Dokudrama zu viel. 

Hinds Geschichte wird an dieser Stelle einem größeren Narrativ untergeordnet. Als Zuschauer gewinnt man den Eindruck, dass der Film, der stets darauf setzt, das Publikum emotional zu fesseln, damit nicht nur Empathie für die jungen Opfer des Krieges schaffen - sondern eine klare politische Botschaft - gegen Israel - senden will. Hier wird die Einseitigkeit des Dokudramas sehr deutlich.

Aufnahmen der lebenden Hind berühren

Beim Filmfest Venedig, bei dem das Werk den Großen Preis der Jury gewann, erhielt es am Ende die längsten stehenden Ovationen des Festivals. 

Stark ist der Film, wenn er sich auf Hinds Geschichte fokussiert. Am Ende sieht das Publikum sie erstmals im Bewegtbild. Es sind vor allem diese Aufnahmen des noch lebenden Mädchens, die das Publikum mit gebrochenem Herzen zurücklassen.

Categories

Hind RajabGazaIsraelAutoGazastreifenKinderHaniaHamasMilitärRoter Halbmond