Dreieinhalb Jahre nach der Ermordung des japanischen Ex-Regierungschefs Shinzo Abe ist der Täter Tetsuya Yamagami für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Richter Shinichi sagte am Mittwoch bei der Urteilsverkündigung in einem Gericht im westjapanischen Nara, der 45-Jährige sei "entschlossen" gewesen, Abe zu töten. Die Tatsache, dass er "ihn von hinten erschossen hat, als (Abe) damit am wenigsten gerechnet hat", zeige die "verabscheuungswürdige und äußerst böswillige" Natur seiner Tat. Yamagami hatte den Mord bereits im Oktober gestanden.
Die Ermordung Abes während einer Wahlkampfveranstaltung im Juli 2022 hatte für Entsetzen in Japan gesorgt. Waffengewalt ist in ostasiatischen Inselstaat, in dem strikte Waffengesetze gelten, äußerst selten.
In Nara versammelten sich am Morgen zahlreiche Menschen, um die Urteilsverkündung im Gerichtssaal zu verfolgen. Der Logistikarbeiter Manabu Kawashima sagte AFP, er wolle "die Wahrheit über Yamagami erfahren". Die "schockierende" Ermordung Abes sei "der Vorfall des Jahrhunderts" gewesen, sagte der 31-Jährige.
Ein weiterer Mann hielt vor dem Gerichtsgebäude ein Plakat in der Hand, auf dem er den Richter aufforderte, Yamagamis schwierige Lebensumstände "in vollem Umfang zu berücksichtigen".
Die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Haftstrafe für Yamagami gefordert, wie japanische Medien berichteten. Die Ermordung Abes sei "beispiellos in unserer Nachkriegsgeschichte" und habe "extrem schwerwiegende Folgen" für die japanische Gesellschaft gehabt.
Abe war am 8. Juli 2022 bei einem Wahlkampfauftritt in Nara niedergeschossen worden. Wenige Stunden später wurde der 67-Jährige im Krankenhaus für tot erklärt. Yamagami soll Abe laut japanischen Medien ins Visier genommen haben, weil er den konservativen Politiker mit der als Moon-Sekte bekannten Vereinigungskirche in Verbindung brachte, die er für finanzielle Schwierigkeiten seiner Familie verantwortlich macht. Seine Mutter hatte Medienberichten zufolge als Beweis ihres Glaubens etwa 100 Millionen Yen (damals umgerechnet etwa eine Million Dollar) an die Kirche gespendet.
Yamagamis Anwälte hatten argumentiert, aufgrund "religiösen Missbrauchs" lägen mildernde Umstände vor. Der Vereinigungskirche wird vorgeworfen, unter ihren Mitgliedern die Vernachlässigung von Kindern zu fördern und sie finanziell auszubeuten. Die Kirche bestreitet die Vorwürfe.
Yamagamis Anwälte hatten betont, dass dessen Leben aufgrund der Sekte zusammengebrochen sei. Seine Mutter sei nach dem Suizid ihres Mannes und der Erkrankung einer ihrer Sohne überzeugt gewesen, dass sie ihre Familie retten könne, indem sie "ihr gesamtes Geld und Vermögen in die Kirche stecke". Während seine Mutter Insolvenz angemeldet habe, habe Yamagami seine höhere Bildung aufgegeben und sei der Armee beigetreten, erklärten seine Anwälte. 2005 habe er versucht, Suizid zu begehen. Yamagami habe angefangen zu denken, dass "sein ganzes Leben von der Kirche ruiniert wurde".
Die Staatsanwaltschaft hatte vor Gericht erklärt, dass Yamagami angefangen habe, Missgunst gegenüber der Kirche zu entwickeln, die seiner Meinung nach sein Leben ruiniert hatte. Er habe gedacht, er könne öffentliche Aufmerksamkeit auf die Kirche lenken, "wenn er jemanden tötet, der so einflussreich ist wie Abe".
Nach Abes Ermordung hatten Ermittlungen zu einer Reihe von Enthüllungen über enge Verbindungen zwischen der Kirche und vielen konservativen Abgeordneten der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) geführt - vier Minister traten zurück.
