Chemieindustrie: Branche unter Druck - und trotzdem höhere Löhne?

Published 1 hour ago
Source: stern.de
Chemieindustrie: Branche unter Druck - und trotzdem höhere Löhne?

Die Chemieindustrie in Ostdeutschland hat Geschichte. Das ändert nichts daran, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Branche nachlässt, Jobs auf der Kippe stehen und Änderung hermuss. Wie das gehen soll.

Wie geht es weiter mit der Chemieindustrie in Ostdeutschland? Diese Frage steht nicht erst seit Mitte Januar im Raum, als das belgische Unternehmen Domo Chemicals mitteilte, die Produktion an seinen drei deutschen Standorten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg sofort zu stoppen. 

Schon länger ist klar: Ein Teil der Anlagen des großen US-Konzerns Dow Chemical soll stillgelegt werden. So gehen Jobs, Perspektiven und Geld verloren. Die Branche steht unter enormem Druck. Jüngste Tarifverhandlungen blieben ergebnislos. Kann momentan an Lohnerhöhungen gedacht werden?

Die Gewerkschaft IG BCE meint: ja. In der Chemie-Tarifrunde 2026 wurde deshalb eine Forderung nach Einkommenserhöhungen zur Stärkung der Kaufkraft sowie zur Beschäftigungssicherung beschlossen.

"Die Lage der chemischen Industrie ist vor allem in der Grundstoffchemie in unserem Tarifbezirk aufgrund von wirtschafts- und handelspolitischen Herausforderungen kritisch", sagte die IG BCE-Landesbezirksleiterin Nordost, Stephanie Albrecht-Suliak, der Deutschen Presse-Agentur. Für eine gute Zukunft der Chemie in Ostdeutschland brauche es "jetzt sichere Perspektiven und gute Löhne".

Rund 48.000 Beschäftigte in ostdeutscher Chemie

Am Dienstag wurde darüber mit der Arbeitgeberseite verhandelt. Sie hatte die IG BCE-Forderung im Vorfeld zurückgewiesen. Statt eine Erhöhung der Einkommen brauche die Branche eine "tarifpolitische „Atempause“", hieß es. Nur so könnten Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen und Arbeitsplätze gesichert werden.

"Wir brauchen einen Tarifabschluss, der die Krise anerkennt und nicht verschärft", sagte der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie, Jens Haselow, der dpa. Oberstes Ziel müsse der Schutz des Chemiestandorts Ostdeutschland und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein.

Die regionalen Tarifverhandlungen in Leuna (Sachsen-Anhalt) sind ergebnislos geendet. Sie sollen am 3. Februar auf der Bundesebene fortgesetzt werden, wie der Arbeitgeberverband erklärt hatte.

Verhandlung bringt zunächst keine Einigung

Die IG BCE erklärte nach den Tarifverhandlungen, die Haltung der Arbeitgeber sei für die Gewerkschaft "nicht akzeptabel". "Die Forderung nach einer tarifpolitischen Atempause kann bei einem normalen Menschen nur Schnappatmung verursachen. Die Abwehrhaltung der Arbeitgeberseite ist schlichtweg weltfremd", sagte Albrecht-Suliak. Eine Nullrunde komme für die IG BCE nicht infrage. "Die Arbeitgeber müssen sich deutlich auf uns zu bewegen."

Die Arbeitgeberseite appellierte hingegen an die Gewerkschaft, die dramatische Lage der ostdeutschen Chemie- und Pharmaindustrie anzuerkennen. "Nur ein tarifpolitisch verantwortungsvoller Umgang ermögliche Stabilisierung, Zukunftsinvestitionen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit", hieß es seitens der Nordostchemie.

Der Arbeitgeberverband ist demnach ein Zusammenschluss aus mehr als 150 Unternehmen der chemisch‐pharmazeutischen Industrie in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

In der Diskussion geht es um die Arbeitsbedingungen von rund 48.000 Beschäftigten der tarifgebundenen Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland. Der IG BCE nach hat die chemisch-pharmazeutische Industrie in Ostdeutschland einen Jahresumsatz von über 30 Millionen Euro.

Konkurrenz in anderen Ländern

Die Ost-Chemie leidet momentan unter hohen Energiepreisen und schwacher Auslastung. Derzeit liegt die Produktionsauslastung dem Verband Nordostchemie nach in der Chemie bei unter 70 Prozent und damit historisch tief.

Auch Bürokratie und hohe Arbeitskosten sorgen für weniger Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem ist die Nachfrage schwach. Im Vergleich zu 2018 wird Nordostchemie zufolge derzeit rund 20 Prozent weniger produziert. Auch bundesweit steht die Industrie unter Druck - auch wegen zunehmender internationaler Konkurrenz, unter anderem aus China.

In für die Branche unsicheren Zeiten wollen Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern also darüber verhandeln, wie ein Kompromiss zwischen den zwei weit auseinanderliegenden Standpunkten aussehen könnte. Beim "Chemiegipfel Ostdeutschland" Mitte Dezember vergangenen Jahres hatten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften eindringlich vor einem weiteren Niedergang der Branche gewarnt und rasches politisches Handeln gefordert.

Ostbeauftragte will Dialog vorantreiben

Nachdem die Verhandlungen in Leuna geendet waren, hatte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), die Vertreterinnen und Vertreter der ostdeutschen Chemieindustrie zu einem Gespräch eingeladen. Dabei wolle sie auch über konkrete Maßnahmen zur Unterstützung des mitteldeutschen Chemie-Dreiecks sprechen, hieß es. "Mit ist es sehr wichtig, eine Brücke zwischen den Betrieben vor Ort hin zur Politik herzustellen", sagte Kaiser. Das Treffen sollte noch am Dienstag im Bundesfinanzministerium stattfinden.

Weitreichende Auswirkungen der Chemie-Krise

In Ostdeutschland zeigt sich die Zuspitzung der Lage besonders deutlich. Dow Chemical hatte schon vor einigen Monaten bekanntgegeben, dass ein Teil seiner Anlagen in Schkopau (Sachsen-Anhalt) und Böhlen (Sachsen) Ende 2027 geschlossen werden soll. Vor wenigen Wochen meldete nun Domo Chemicals für drei deutsche Tochterfirmen Insolvenz an.

Für den Weiterbetrieb am Domo-Standort in Leuna ist zwischenzeitlich das Land Sachsen-Anhalt eingesprungen - aus Gründen der Gefahrenabwehr. Die Anlagen können derzeit nicht in den Minimalbetrieb heruntergefahren werden. 

Dass das so ist, verschafft den Insolvenzberatern Zeit, um vielleicht doch noch einen Investor zu finden - und den Produktionsstopp so abwenden zu können. Das Land geht nach Angaben des Landesverwaltungsamtes derzeit davon aus, dass ein höherer einstelliger bis niedriger zweistelliger Millionenbetrag für den Weiterbetrieb anfallen wird.

Weniger Produktion und Stilllegung haben immer auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Produktionskette, etwa auf Zulieferfirmen. Nordostchemie nach hängen an jedem Chemiearbeitsplatz drei bis vier Arbeitsplätze von Zulieferern oder in angrenzenden Branchen. Das hat auch damit zu tun, dass Unternehmen in der Region entlang der chemischen Produktionsketten eng miteinander verflochten sind. "Bricht ein Teil dieses Systems weg, gerät die gesamte Produktion des Verbunds ins Wanken", betonte der Verband.

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