Zugunglück in Spanien: "Mussten eine Leiche wegräumen, um zu einem Überlebenden zu gelangen"

Published 1 hour ago
Source: stern.de
Zugunglück in Spanien: "Mussten eine Leiche wegräumen, um zu einem Überlebenden zu gelangen"

Bei einem der schwersten Zugunglücke in Spaniens Geschichte sterben Dutzende Menschen. Mehr als 120 werden verletzt. Rettungskräften bietet sich ein schauriger Anblick.

Es ist 19.45 Uhr am Sonntagabend, als es nahe Adamuz im Süden Spaniens zum Horror-Crash kommt: Mehrere Waggons eines Hochgeschwindigkeitszugs auf dem Weg von Málaga nach Madrid entgleisen und krachen mit einem entgegenkommenden Zug zusammen. 

Die Wucht der Kollision in der andalusischen Provinz Córdoba ist verheerend: Beim schwersten Zugunglück in Spanien seit mehr als zehn Jahren kommen mindestens 39 Menschen ums Leben, mehr als 120 weitere werden verletzt. Es werde befürchtet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigen werde. Der regionale Regierungschef Andalusiens, Juanma Moreno, schloss nicht aus, dass in den "Trümmerhaufen aus Metall" weitere Leichen liegen könnten.

"Schreie, weinende Kinder, Blut"

Am Unglücksort bietet sich ein Bild des Grauens. "Der Anblick war furchtbar", sagt Adamuz' Bürgermeister Rafael Moreno, der als einer der ersten an der Unfallstelle eintrifft, dem Fernsehsender Antena 3. "Die Menschen riefen um Hilfe, Verletzte sind aus den Waggons gekommen, ein Bild, das ich nie vergessen werde." Der Passagier Lucas Meriako äußert sich im Sender La Sexta ebenfalls schockiert: "Das ist wirklich wie in einem Horrorfilm."

Eine junge Frau kämpfte im Interview des TV-Senders RTVE mit den Tränen, als sie den Alptraum beschrieb, den sie im Iryo-Unglückszug erlebte. "Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft, es gab Schreie, weinende Kinder, Blut. Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren." Ein anderer Passagier, der Journalist Salvador Jiménez, sagte: "Es war wie ein Erdbeben."

Die Rettungskräfte arbeiten die ganze Nacht hindurch, um Verletzte aus den Waggons zu befreien und zu versorgen. "Alles ist vollkommen zerstört", sagt der Feuerwehrchef der Provinz Córdoba, Francisco Carmona, dem Sender TVE. Die Einsatzkräfte haben Schwierigkeiten, zu den Verletzten vorzudringen. "Das Problem ist, dass die Waggons verbogen sind, und die Menschen stecken fest", sagt Carmona. "Wir mussten eine Leiche wegräumen, um zu einem Überlebenden zu gelangen. Es ist ein schwer zugängliches Gebiet. Das Ausmaß der Zerstörung war zudem groß. Chaos, offene Brüche"

Zugunglück in Spanien "extrem seltsam"

Bei dem Unfall sind zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert – ein Zug des privaten Bahnbetreibers Iryo auf dem Weg von der Mittelmeer-Stadt Málaga in die spanische Hauptstadt Madrid mit rund 300 Menschen an Bord und ein Zug der spanischen Staatsbahn Renfe auf dem Weg von Madrid in die südspanische Stadt Huelva.

Ersten Erkenntnissen zufolge entgleisen auf gerader Strecke plötzlich die letzten Waggons des Iryo-Zugs und prallen mit dem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammen. Die Wucht der Kollision reißt die ersten beiden Waggons des Renfe-Zugs von den Gleisen, sie stürzen rund vier Meter einen Bahndamm hinab. Diese Waggons werden besonders schwer beschädigt, wie Luftaufnahmen zeigen. Im Inneren befürchten die Behörden weitere Tote.

Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist noch vollkommen unklar. Der Unfall sei "extrem seltsam", sagt der sichtlich ratlose spanische Verkehrsminister Óscar Puente. "Wie ist es möglich, dass sich auf einer geraden Strecke, auf einem sanierten Schienenabschnitt, mit einem quasi neuen Zug, ein solcher Unfall ereignen kann?"

Tatsächlich wurde der Iryo-Zug erst 2022 gebaut, zudem wurde er nur drei Tage vor dem Unglück gewartet. Der betroffene Streckenabschnitt war bei im vergangenen Mai abgeschlossenen Bauarbeiten für 700 Millionen Euro erneuert worden.

Renfe-Chef Álvaro Fernández Heredia warnt vor Spekulationen und mahnt zur Geduld. "Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu spekulieren", sagt er am Montag dem Radiosender Cadena Ser. "Wir müssen die unabhängige Untersuchungskommission ihre Arbeit machen lassen." Bis Ergebnisse vorliegen, könnten Tage vergehen, warnt der Bahnchef.

Nach dem Zugunglück: In dem "Trümmerhaufen aus Metall" liegen wohl noch weitere Leichen liegen, so spanische Behörden
Nach dem Zugunglück: In dem "Trümmerhaufen aus Metall" liegen wohl noch weitere Leichen liegen, so spanische Behörden
© Susana Vera

Fest steht: Es ist das schwerste Zugunglück in Spanien seit 2013. Damals war nahe der berühmten Pilgerstadt Santiago de Compostela im Nordwesten des Landes ein Hochgeschwindigkeitszug auf kurviger Strecke entgleist, 80 Menschen kamen ums Leben. Damals war stark überhöhte Geschwindigkeit die Ursache.

Europas größtes Hochgeschwindigkeitsbahnnetz

Spanien verfügt über das größte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz Europas, die Züge in dem südeuropäischen Land gelten eigentlich als sehr sicher. Wegen der Liberalisierung des Bahnverkehrs können Reisende häufig gleich unter mehreren Anbietern auswählen: Neben dem Platzhirschen Renfe ist auch die französische Staatsbahn SNCF mit der Marke Ouigo vertreten - und der Anbieter Iryo, der mehrheitlich der italienischen Bahngesellschaft Trenitalia gehört.

Nach dem Zugunglück vom Sonntagabend ist das Entsetzen in Spanien groß. Regierungschef Pedro Sánchez spricht von einer "Nacht des tiefen Schmerzes". König Felipe VI. und Königin Letizia wollen die Unglücksregion am Dienstag besuchen.

Auch aus dem Ausland kommen Beileidsbekundungen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußert sich "erschüttert" und spricht den Familien und Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versichert den Spaniern angesichts der "Tragödie" von Adamuz: "Frankreich steht an eurer Seite."

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