2. Fußball-Bundesliga: Mut und Makel: Herthas schwere Aufarbeitung der Gewalt

Published 2 hours ago
Source: stern.de
2. Fußball-Bundesliga: Mut und Makel: Herthas schwere Aufarbeitung der Gewalt

Viele Verletzte, Festnahmen, gegenseitige Vorwürfe von Fans und Polizei. Was bedeutet der Zwischenfall vor dem Olympiastadion für die Stimmung bei Hertha BSC und die angestrebte Bundesliga-Rückkehr?

Mehr als 50 Verletzte. Polizisten und Fans. Verstörende Bilder der Gewalt. Die nächtliche Bilanz des Zwischenfalls am Osttor des Berliner Olympiastadions vor dem Zweitliga-Topsiel gegen Schalke 04 stellt die Bosse von Hertha BSC vor eine schwere Aufgabe. Und sie überlagert die positiven sportlichen Signale beim Hauptstadt-Club nach einem mutigen und offensiven Auftritt zum Rückrundenstart gegen den Spitzenreiter aus dem Ruhrpott.

Trainer Stefan Leitl sah sich trotz der vielen vergebenen Chancen beim 0:0 in seinem Aufstiegs-Optimismus bestätigt. Sogar Schalkes Coach Miron Muslić schwärmte geradezu von der großen Berliner Fußball-Power. Für Herthas Geschäftsführer Peter Görlich stand am Sonntag aber mit dem Präsidium um Vereinschef Fabian Drescher eine Analyse an, die mit Sport nichts zu tun hat.

Hertha-Chef verspricht Aufarbeitung

"Dieses Spiel hätte einen Support verdient. Dieses Spiel hätte tatsächlich im weiten Rund volle Plätze verdient. Das ist sehr schade, aber es geht ans Aufarbeiten und wir werden die Faktenlage zusammentragen und dann anständige Antworten geben und uns auch dementsprechend positionieren", sagte Görlich nach dem gewalttätigen Zwischenfall. 

Die Berliner Club-Führung hat eine schwierige Auseinandersetzung vor sich. Sie steht zwischen verhärteten Fronten der eigenen Fan-Szene und der Berliner Polizei. Ein Dilemma, das bei zu viel Tamtam sogar vom großen Ziel der Bundesliga-Rückkehr ablenken kann. Die Unterstützung der Fans ist ein großes Plus für die Berliner. Gegen Schalke verließen die Treuesten ihre Kurve und ließen eine beklemmende Stimmung zurück. 

Was war beim Einlass der Hertha-Fans in ihre Fankurve passiert? 

Momentan stehen Vorwürfe der Provokationen von allen Seiten im Raum. Insgesamt wirkte die Stimmung rund um die Arena vor dem Anpfiff angespannt. Die Polizei wirft den Fans aggressives Verhalten und tätliche Angriffe vor. Vermummte Personen hätten Absperrgitter geworfen. Die Fans beklagen einen überharten und übertriebenen Einsatz der Sicherheitskräfte ohne Anlass. 

Im Internet kursierende Videos zeigen bedrohlich wirkende Momente. Die Polizei bestätigte 31 verletzte Fans und 21 verletzte Polizisten. Mehrere Fans wurden festgenommen. Es gäbe vielfältiges Beweismaterial für Straftaten der Hertha-Anhänger, das nun ausgewertet werde. Die strafrechtlichen Vorwürfe reichen von Beleidigung bis zu schwerem Landfriedensbruch. 

Die Konfrontation ist trauriger Höhepunkt einer seit dem Risikospiel gegen Dynamo Dresden Anfang November aufgeladenen Stimmung. Aus Polizeikreisen verlautete, dass man selbst von der Problematik überrascht sei, da es lange keine Schwierigkeiten mit der Berliner Fanszene gab. Die Hertha-Fanhilfe bezog scharf Stellung gegen die Polizei und die Berliner Politik - nicht aber gegen die eigene Vereinsführung. 

"Vertreter des Vereins haben immer wieder im Dialog mit der Polizei versucht, eine Deeskalation herbeizuführen. Dass dies von der Einsatzleitung und der verantwortlichen Innensenatorin ganz offensichtlich nicht gewünscht ist, zeigt der heutige Tag", hieß es in einer Mitteilung. 

Görlich kündigte an, dass man mit allen Beteiligten sprechen werde. Auch mit der Politik, die in Berlin sicherlich andere Probleme hat als einen eskalierenden Fan-Konflikt. Die von den Fans kritisierte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) war am Samstag im Stadion. Man wolle von den Protagonisten "etwas mehr gehört werden, weil das wollte keiner", sagte Görlich zur Position der Vereinsführung. 

Die spezielle Brisanz für die Hertha-Bosse ist das enge Verhältnis zur organisierten Fanszene, die mittlerweile wie auch bei anderen Vereinen einen gewissen Einfluss in die Club-Gremien hat und zuletzt auch bei Mitgliederversammlungen die Hertha-Politik mitlenkte. 

Bernsteins Vermächtnis in Gefahr?

Konflikte der Vergangenheit schienen lange ausgeräumt. Ex-Präsident Kay Bernstein hatte für eine neue Kultur des Miteinanders gesorgt. Sein Nachfolger Drescher führt diesen Berliner Weg fort. Die Eskalation einen Tag nach Bernsteins zweitem Todestag ist besonders bitter. 

Leitl hatte kurz nach dem Spiel noch keine Detailkenntnisse, bedauerte aber, dass sein Team nicht wie gewohnt unterstützt wurde. "Das ist schade, weil die Jungs einfach ein sehr, sehr gutes Spiel gezeigt haben und der Support wahrscheinlich heute noch mal diese ein, zwei Prozent vielleicht herausgekitzelt hätte und wir hätten uns gemeinsam belohnen können", sagte er.

Sein sportliches Fazit sollte allen Hertha-Fans Mut machen. Tatsächlich waren die Berliner gegen den Tabellenführer das in allen Belangen überlegene Team. Nur Schalkes Torwart Loris Karius verhinderte den Hertha-Sieg. "Es ist sehr bitter, dass es nicht drei Punkte sind. Aber wir sprechen von 17 guten Spielen in der Rückrunde. Eins haben wir jetzt gezeigt", sagte Leitl und fügte an: "Fußball ist nicht immer gerecht."

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