Münzfund: Zehn seltene Silbermünzen in der Altmark entdeckt

Published 1 hour ago
Source: stern.de
Münzfund: Zehn seltene Silbermünzen in der Altmark entdeckt

Ein Fund von Silbermünzen in der Altmark bietet der Forschung neue Ansatzpunkte. Bislang gab es kaum Informationen zum Münzwesen aus der Zeit der brandenburgischen Markgrafen im 12. Jahrhundert.

Zehn äußerst seltene mittelalterliche Silbermünzen aus dem 12. Jahrhundert sind bei Neulingen (Altmarkkreis Salzwedel) entdeckt worden. Ein ehrenamtlich arbeitender Bodendenkmalpfleger habe das Geld bereits im März 2024 gefunden, teilte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt mit. Der Schatz lag auf einer nur wenige Quadratmeter großen Fläche verteilt. 

Bei den Fundstücken handelt es sich um einseitig geprägte Münzen aus dünnem Silberblech, sogenannte Brakteaten. Sie stellten vom mittleren 12. Jahrhundert bis in das 14. Jahrhundert hinein die vorherrschende regionale Münzsorte in Mitteldeutschland dar. Alle zehn Münzen zeigen dasselbe Motiv: einen frontal stehenden Markgrafen in Rüstung und mit Helm. In der rechten Hand hält die Figur ein Schwert, in der linken eine Fahne mit herabhängendem Tuch. Zu beiden Seiten der Darstellung ist jeweils ein Ringel mit Innenpunkt zu erkennen.

Münztyp auch in Standardwerken nicht verzeichnet

"Dieser Münztyp ist ausgesprochen selten – so selten, dass er in den gängigen numismatischen Standardzitierwerken bislang nicht verzeichnet ist", sagte die Numismatikerin Anika Tauschensky vom LDA. Auch aus gesichertem archäologischen Fundkontext sei dieser Typ bisher nicht bekannt gewesen. Hinzu komme, dass es sich nicht um ein Einzelstück, sondern um gleich zehn Exemplare desselben Typs vom gleichen Fundort handele.Stilistisch verwandte Brakteaten mit Schwert- und Fahnenmotiv sind aus der Zeit des von 1184 bis 1205 regierenden brandenburgischen Markgrafen Otto II., genannt "der Freigiebige", bekannt. Zwar unterscheiden sich diese Vergleichsstücke in einzelnen Beizeichen, doch stimmen Gewicht und Durchmesser überein. Nach Einschätzung der Fachleute ist daher davon auszugehen, dass auch die in Neulingen gefundenen Münzen unter Otto II. geprägt wurden.

Wenig schriftliche Zeugnisse des Münzwesens aus dieser Zeit

Die Organisation des Münzwesens zur Zeit Ottos II. und seiner Brüder ist nur lückenhaft überliefert. Schriftliche Quellen sind rar, sodass die erhaltenen Münzen selbst zu den wichtigsten historischen Zeugnissen zählen. Gesichert ist, dass Otto II. sowohl östlich der Elbe als auch in Städten wie Stendal und Salzwedel prägen ließ. Erst für das 14. Jahrhundert sind feste Münzbezirke mit klaren Zuständigkeiten überliefert. Aus dieser Zeit ist auch bekannt, dass Münzen jeweils nur innerhalb ihres Münzbezirks gültig waren.

Münzen wahrscheinlich in Stendal geprägt

Eine eindeutige Zuordnung des Fundes zu einer konkreten Münzstätte ist ohne urkundliche Belege oder eine Nennung der Prägestätte auf der Münze selbst kaum möglich. Hinweise können jedoch der Fundort oder bestimmte Bildmotive liefern. Der Fundplatz Neulingen liegt zwar geografisch näher an Salzwedel, doch gelten Münzen, die dort geprägt wurden, als deutlich leichter und zeigen häufig einen Schlüssel, ein Element des Stadtwappens, im Münzbild. Wahrscheinlicher erscheint daher eine Herstellung in Stendal, dessen Münzbezirk im Spätmittelalter bis in den nördlichen Teil der Altmark gereicht haben dürfte.Die Nähe eines Fundortes zu einer möglichen Münzstätte gilt als wichtiges Indiz, da Brakteaten meist nur in relativ begrenzten Regionen umliefen. In der Umgebung von Münzstätten gelangten frisch geprägte Münzen zuerst in den Zahlungsverkehr. Entsprechend ist es nicht ungewöhnlich, dass Funde nur einen oder wenige Münztypen umfassen. Die heutige Seltenheit mancher Münzen sagt zudem wenig über ihre ursprüngliche Häufigkeit aus, da ältere Prägungen bei Münzreformen regelmäßig eingezogen und ersetzt wurden.

Sollten Münzen gegen neues Geld getauscht werden?

Dass in Neulingen gleich zehn Exemplare desselben Brakteatentyps gefunden wurden, könnte nach Einschätzung der Experten auf eine gezielte Auswahl hindeuten. Beispielsweise könnten die Münzen im Zusammenhang mit einem bevorstehenden oder kürzlich erfolgten Münztausch gestanden haben. Ebenso möglich ist, dass dieser Münztyp zum Zeitpunkt der Niederlegung in der Region besonders verbreitet und ein gängiges Zahlungsmittel war.Für die numismatische und archäologische Forschung gilt der Fund als herausragend. Er dokumentiert einen bislang kaum bekannten Brakteatentyp erstmals in einem gesicherten archäologischen Kontext und in größerer Stückzahl. Dadurch ergeben sich neue Anhaltspunkte zum Münzumlauf und zur regionalen Einbindung dieses Typs im mittelalterlichen Münzwesen der Altmark. "Der Fund zeigt erneut, wie wichtig unsere rund 350 ehrenamtlich Beauftragten für die archäologische Forschung im Land Sachsen-Anhalt sind", sagte der Referent für das Ehrenamt am LDA, Dominik Petzold.

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