Fahri Yardım in "Extrawurst": Schauspieler spricht über Alltagsrassismus

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Fahri Yardım in "Extrawurst": Schauspieler spricht über Alltagsrassismus

Ab dem 15. Januar läuft die Komödie "Extrawurst" in den Kinos an. Fahri Yardım spricht im Interview unter anderem über Cancel Culture.

Am 15. Januar kommt die deutsche Komödie "Extrawurst" in die Kinos. Die Besetzung verspricht beste Unterhaltung: Christoph Maria Herbst (59) spielt eine der Hauptrollen und Hape Kerkeling (61) feiert nach 17 Jahren sein Comeback auf der großen Leinwand. Auch Fahri Yardım (45), bekannt aus "Jerks", ist mit dabei. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück und handelt von den turbulenten Ereignissen in einem Tennisclub, der mitten in den Vorbereitungen für sein großes Sommerfest steckt.

Unter der strengen Regie vom Vorsitzenden Heribert (Kerkeling) scheint zunächst alles nach Plan zu verlaufen. Doch als der Vorschlag aufkommt, für Erol (Fahri Yardım) - das einzige muslimische Mitglied des Clubs - einen eigenen Grill bereitzustellen, geraten die Dinge außer Kontrolle. Aus einer vermeintlich harmlosen Diskussion entwickelt sich ein hitziges Streitgespräch über gesellschaftliche Themen. Bald steht nicht nur das Fest, sondern der ganze Verein vor dem Zusammenbruch.

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät Yardım, inwiefern er sich mit der Rolle des Erol identifizieren konnte. Außerdem äußert er sich zu Themen wie Cancel Culture und Alltagsrassismus.

Zum Einstieg eine kleine Geschmacksfrage: Greifen Sie lieber zur bayerischen Weißwurst oder zur türkischen Sucuk?

Fahri Yardım: Ich lebe inzwischen vegetarisch - ich kann also nur aus der Erinnerung antworten. Früher habe ich beides verschlungen. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, würde meine Wahl auf die Sucuk fallen. Sie knallt im Mund, ist völlig unterschätzt - und ehrlich gesagt eines der Dinge, die ich am meisten vermisse.

Sie haben in einem Interview vor elf Jahren gesagt, dass Sie die Schauspielerei nutzen, um Identitäten auszutesten. "Mut zur Wurst" nannten Sie das Prinzip. Welche Anteile von Ihnen haben Sie in Erol entdeckt, abgesehen davon, dass er Deutschtürke ist?

Yardım: In jeder Figur entdecke ich eigene Anteile - Aspekte, die ich kenne oder nachvollziehen kann. Am Anfang bin ich in Identitätsdiskussionen meist sehr milde gestimmt. Ich bin entspannt, verzeihe vieles, weil ich weiß, dass das meistens nur internalisierter Rassismus ist. Da herrscht bei mir eine gewisse Gnade: Ich denke nicht sofort, dass hinter jedem Fehltritt eine Agenda steckt oder jemand gleich ein waschechter Faschist ist. Oft ist es einfach tiefsitzender, internalisierter Unsinn.

Aber wenn eine Debatte an Fahrt aufnimmt, spüre ich bei mir eine ansteigende Verengung. Ich werde plötzlich zum Vertreter - für eine Herkunft, für eine Gruppe. Erol, meine Figur, macht ähnliches durch. Auch er entfremdet sich im Laufe der Diskussion von seiner ursprünglichen Gelassenheit und rutscht in die Rolle des "Vertreters der türkischstämmigen Menschen" ab. Diese absurde Dynamik kenne ich nur zu gut.

Der Film "Extrawurst" setzt sich mit Themen wie kultureller Identität und Migration auseinander. Dabei spielt auch das Stichwort "Cancel Culture" eine Rolle - im Film fallen Aussagen, die durchaus kontrovers sind, und das fällt auch den Charakteren auf. Haben Sie in den vergangenen Jahren das Gefühl gehabt, bestimmte Dinge lieber nicht zu sagen, aus Sorge, sie könnten falsch verstanden werden?

Yardım: Mit dem Begriff "Cancel Culture" tue ich mich schwer. Er wird oft von einer bestimmten Seite geprägt und benutzt - meist von jenen, die jede progressive Entwicklung oder neue Ideen blockieren wollen. Was da als "Meinung" oder "Witz" verkauft wird, ist in Wahrheit oft schlichte Menschenfeindlichkeit. Und sobald man darauf hinweist, segelt die Keule der angeblichen "Cancel Culture" nieder. Der Begriff stinkt nach der Unterdrückung, die er vorgibt bekämpfen zu wollen.

Wer in der Öffentlichkeit steht, ist immer auch Kritik ausgesetzt - und das ist völlig in Ordnung. Ich bin offen für jede Form von Kritik. Was mir trotzdem auffällt, ist der absolute Ton, der die öffentliche Debatte meistens dominiert. Dass menschlichste Fehler einen Sturm der Entrüstung fürchten müssen - ja, das kann beunruhigen. Trotzdem überlege ich nicht aus Angst, was ich sage, sondern weil ich es kann. Als Mensch. Wir können denken, bevor wir uns äußern. Sensationell, nicht wahr?! Für einige scheint das eine Zumutung zu sein, ich halte es für eine angemessene Hemmung.

Wie gehen Sie heute mit Alltagsrassismus um?

Yardım: Das klingt jetzt edler, als es ist, aber irgendwann habe ich für mich entschieden, wer mich beleidigt. Ich bin heute weniger anfällig. Fast jede Beleidigung sagt mehr über die Person selbst aus als über mich. Natürlich nervt es, wenn mir Alltagsrassismus begegnet. Aber ich nehme solche unbewussten Angriffe nicht mehr so persönlich. Ich sehe sie eher als Spiegel des Gegenübers und seines Unvermögens, mit sich selbst klarzukommen. Sicherlich liegt es auch daran, dass ich mich weder über das Türkische noch über das Deutsche definiere. Und doch gelingt es nicht immer. Es gibt Momente, da lasse ich mich ärgern.

Was war das für ein Gefühl, erstmals mit Hape Kerkeling vor der Kamera zu stehen?

Yardım: Für mich ist Hape Kerkeling eine lebende Legende. Seit ich denken und Medien konsumieren kann, ist er präsent. Er hat diesen dadaistisch-anarchischen Humor, der mir nahe ist, mit geprägt - er ist schlicht ein Vorbild für mich. Die Zusammenarbeit war auch deshalb etwas Besonderes. Er war einer der Gründe, warum ich großen Lust auf den Film hatte - ich wollte in seiner Nähe sein. Und dort habe ich ihn als sehr warmherzigen, offenen Menschen kennengelernt.

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