Präventionsparadoxon: Schneesturm "Elli" war gar nicht so schlimm. Die Aufregung war dennoch richtig

Published 2 hours ago
Source: stern.de
Präventionsparadoxon: Schneesturm "Elli" war gar nicht so schlimm. Die Aufregung war dennoch richtig

Wird ein Ereignis nicht so schlimm wie befürchtet, heißt es schnell: Warum das ganze Getöse? Wieso uns Schneesturm "Elli" wieder einmal aufs psychologische Glatteis führte.

Haben Sie schon einmal den Begriff Präventionsparadoxon gehört? Kurz gesagt bedeutet er: Auch wenn Vorsorge dem Einzelnen oft nicht wirklich direkt einen Nutzen bringt, kann davon die Gesellschaft profitieren. 

Ein Beispiel dafür waren die oft und heftig diskutierten Maßnahmen während der Coronapandemie. Wir alle sollten möglichst zu Hause bleiben und nur wenige Kontakte zu Freunden und Verwandten haben. Aus Sicht der meisten Mediziner waren die Kontaktbeschränkungen ein Erfolg, die Ansteckungswellen blieben einigermaßen beherrschbar. Nicht nur Corona-Leugner sahen im Voneinander-Fernbleiben dagegen einen unnötigen Eingriff in ihr Privatleben. Die vergleichsweise niedrigen Infektionsraten zeigten doch, dass so viel Strenge nicht notwendig gewesen sei – so sahen es einige.

Alles Schnee von gestern? Nicht ganz. Denn in diesen Tagen erlebten wir ein ähnliches Paradoxon: Der Deutsche Wetterdienst und viele andere Wetterdienstleister warnten vor dem Schneesturm "Elli". Die norddeutschen Bundesländer schlossen für einen oder mehrere Tage die Schulen. Die Homeschooling-Sorgen unter Eltern machten sich wieder breit: Kinder zu Hause, die nichts fürs Leben lernen.

Alles nur Panikmache? 

Extremwetterexperte Frank Böttcher sieht das gelassen: "Die Schulschließung wird kein Kind dümmer gemacht haben." Vielmehr hätten alle Menschen, Politiker wie Firmenchefs und Privatleute im Norden sehr verantwortlich auf die Vorhersagen der Meteorologen reagiert.

Seriöse Wetterdienste hätten auch nicht vor einer Schneekatastrophe wie im Winter 1978/79 gesprochen, sagt Böttcher. "Im Gegensatz zu einem Hochwasser oder einem Orkan hätte der angekündigte Schneesturm nur durch falsches Handeln zu einer Katastrophe werden können." Etwa, wenn ein Lkw mit Sommerreifen sich auf der Autobahn quer gestellt hätte, und ein voll besetzter Reisebus in ihn gedonnert wäre.

Als 2007 Wintersturm "Kyrill" übers Land zog, hatte unter anderem Mecklenburg-Vorpommern seine Schulen geschlossen. Damals war dann dort tatsächlich auch ein Schulbus durch eine Orkanböe auf einer Straße umgestürzt. Doch abgesehen vom Fahrer war er leer, Schulkinder kamen nicht zu Schaden. Die Prävention hatte funktioniert.

Warum die Warnungen vor Schneesturm "Elli" sinnvoll waren

Leider vergessen wir alle oft, dass Vorsorge häufig größere Schäden verhindert –auch wenn sie uns manchmal lästig erscheint. Im Gesundheitsbereich sind das etwa: Impfungen, Früherkennungsuntersuchungen von Tumoren oder der Gesundheitscheck ab 40.

"Viele der Vorhersagen waren wirklich sehr gut", sagt Wetter-Experte Böttcher. Zum Beispiel, was die prognostizierten Schneehöhen und Windgeschwindigkeiten betraf. Aber wie weit die Schneefälle auf ihrem Weg von West nach Ost genau kommen würden, ob sie etwa in Schleswig-Holstein Kiel erreichen würden oder nicht, das ließen die Wettermodelle nicht exakt abschätzen. 

Daher war es aus Böttchers Sicht richtig, die Schulen vorsorglich zu schließen: "Lieber einmal zu viel warnen als zu wenig." Die Überschwemmung im Ahrtal habe auf fatale Weise gezeigt, was ein Zuwenig an Warnungen verursachen kann. 

Dass sich in den vergangenen Tagen dennoch etliche Menschen Arme und Beine auf Eis und Schnee brachen, zeigte zudem, dass es richtig war, Gänge vor die Tür auf ein Mindestmaß zu beschränken. "Jede Verletzung, die sich dadurch verhindern ließ, hat die Notaufnahmen der Krankenhäuser entlastet", sagt Böttcher. Dadurch gab es mehr Kapazitäten für Notfälle, die sich ohnehin immer und wetterunabhängig ereignen: etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle. 

Der Verzicht des Einzelnen auf unnötige Fahrten, der Ausfall von Präsenzunterricht und andere Vorsichtsmaßnahmen waren also letztlich (auch) ein Dienst an der Gesellschaft. Und genau das beschreibt das Präventionsparadoxon. Wir sollten uns den sperrigen Begriff merken, wenn es wieder einmal heißt: Bitte verzichten Sie auf …

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