Eigentlich wollte unser Kolumnist Micky Beisenherz diesen Text von einer künstlichen Intelligenz schreiben lassen. Doch wo blieben dann Ecken und Kanten?
Wäre ich nicht so eitel, ich hätte einen freien Tag mehr. Ich säße an irgendeinem Kamin und würde einem Chatbot den Auftrag erteilen: "Schreib mir einen kritischen, aber auch hoffnungsstiftenden Text über KI." Das würde so eine artifizielle Intelligenz machen, und Sie würden es vermutlich nicht einmal merken. Eventuell müsste ich noch mal drüberschauen, zwei halb gare Witze einbauen, und das wäre es dann.
Aber ich will ehrlich sein: Wenn es um die Nutzung von Dingen wie ChatGPT geht, bin ich auf einem Level mit Uli Hoeneß oder deutschen Gesundheitsämtern – ein Digital-Eremit. Mein Freund Jakob schimpft mich ob dieser Ignoranz immer einen störrischen Opa, aber wenn ich ihn frage, womit er künstliche Intelligenz befrage, kommt kaum mehr als "Wie hoch muss der Reifendruck am Auto vorne sein?" oder "Wie lang muss ich den Lachs anbraten?"
Ich bin weder Feind noch Fürchtender. Ich habe lediglich noch keinen echten Nutzen für mich erkannt. Wenn ich schreibe, formen sich die Gedanken zu Worten. Ähnlich wie mir muss es Krawallhopper Boris Palmer gehen. Der lässt mittlerweile seine verschriftlichten Gedanken vor der Veröffentlichung durch ein Programm laufen, das alles auf Shitstormpotenzial abklopft. Vermutlich bleibt danach nur noch ein "Guten Tag" übrig.
Schon sind wir beim Kern der Sache: Was Palmer macht, ist konfektioniertes Senden. Eine KI-korrigierte Version seiner Gedanken unter Vermeidung größerer Irritation. Das macht sein Leben ruhiger, die geäußerten Gedanken aber generischer. Wollen wir das?
Längst verfassen Chatbots einen Teil beruflicher E-Mails, und in einer besseren Welt hätten wir noch ein Programm, das diese für uns liest. Wieder andere haben ihren Freundeskreis ausgedünnt, weil das Chatten mit einem KI-Assistenten viel angenehmer ist als die Gespräche mit Sven und Maike aus der Laufgruppe. Der digitale Freund ist stets verständnisvoll, widerspricht nie und hat das Einfühlungsvermögen eines höher begabten Heiratsschwindlers. Früher hat man sich für solch kritiklose Beziehungen einen Hund angeschafft.
Micky Beisenherz: Dieser Text ist "menschengemacht"
Haben Playstation und andere Konsolen nur auf unsere Freizeit geschielt, so konkurrieren die KI-Tools mit unseren sozialen Kontakten. Die KI macht unser Leben geschmeidiger, sie poliert die Ecken und Kanten weg. Virtuelle Bands kommen auf Millionen Streams, die ersten ModeratorInnen werden digital ersetzt. So austauschbar, wie die meisten Radiosender klingen oder Shows aussehen, muss ich leider sagen: Da fehlt mir dann auch nix.
Weil wir bei Instagram nicht mehr wissen, welches Reel echt ist und welches von der KI, wird es bald einen gedruckten oder gesprochenen Ausweis geben müssen, dass etwas "menschengemacht" ist. Eine Art Biosiegel.
KI wird in einem digitalen Tsunami vieles fortreißen. Aber hier kommt der positive Twist: Der Mensch wird ein soziales Wesen bleiben. Er will sich im Gegenüber erkennen. Wenn alles im Verdacht steht, computergeneriert zu sein, strebt man dem zu, wo echte Menschen sind. Ausgerechnet die größte Bedrohung wird zum Treiber für die Renaissance des Persönlichen. Livekonzerte werden boomen, öffentliche Veranstaltungen, sogar lineares Live-TV. Alles, was anfassbar ist und uns in Echtzeit das sein lässt, was nur wir Menschen sein können: fehlerhaft und, um im Thema zu bleiben, unberechenbar. Und das finde ich tröstlich.
(Ohne KI erstellt.)
