Ein Jahr nach der zweiten Amtsübernahme des amerikanischen Präsidenten sitzt der Schrecken immer noch tief. Kein Tag, der einem nicht den Atem anhalten ließ ob all der Dekrete und Posts – sei es zu Migration, zu Zöllen, vor allem aber zur NATO und zur EU, die er abwatschte und zu spalten drohte.
Was für ein aufregendes Jahr, dieses 2025 mit Donald Trump. Kaum war er zum zweiten Mal im Januar als Präsident eingesetzt, schon erließ er Dekrete am laufenden Band. Da wurden erst mal Bürger begnadigt, die am 06. Januar 2021 das Capitol gestürmt hatten, es wurde das Pariser Klimaabkommen für nichtig erklärt, der Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation WHO und die Ausweisung unerwünschter Immigranten angeordnet. Im Februar bekam der ukrainische Präsident Selenskyj im Oval Office gleich mehrfach eins auf die Nase, im selben Monat wurde durch Vizepräsident J.D. Vance die EU als undemokratisch und intolerant gerüffelt.
Gedanken an einen Sicherheitsplan, der Europa aufzuspalten droht und Avancen gegenüber rechtstendenziösen Regierungen unternimmt, waren da noch fern. Ein Jahr Trump in Bilder und Worte zu fassen, ist alles andere als leicht. Die ARD-Doku "Trump & us" von Tim Evers ("Angela Merkel – Schicksalsjahre einer Kanzlerin") versucht es dennoch trotzig, indem sie die Bilder eines Jahres mit Kommentaren von Journalisten, Polit-Experten und Trump-freundlichen Thinktankern garniert.
"Fast dadaistische Unterhaltsamkeit"
Kann man an Trump Gutes finden, nach all seinen Verdrehungen, Wutausbrüchen, schroffen Zurechtweisungen, nach hartnäckig verfolgten Verschwörungstheorien über vermeintliche Wahlfälschungen? Man kann, wie sich in dem 90-Minüter erweist. Keineswegs werden da nur Trumps Bemühungen um den Frieden in der Ukraine und im Nahen Osten in den Vordergrund gerückt.
Manch ein Kommentator, wie der Ex-Kanzler Sebastian Kurz gewinnt Trump durchaus Gutes ab. Man müsse bei den "vielen Nebensächlichkeiten" eben darauf achten, "dass nicht das Wesentliche verloren geht". Es gelte zu beachten, dass Trump "Konflikte beenden" und ein "Friedenstifter" sein wolle.
"Ist er gar nicht dieser Bulldozer-Politiker, der Europa verachtet und den Westen sprengt?", fragt daher der Begleitkommentar. Bei allfälligem Erfolg – noch ist es ja nicht so weit – hätte Trump mit seinen kraftmeierischen Prozeduren am Ende womöglich recht. Seine Ausfälle und Beleidigungen rechtfertigt das jedoch nicht. Da mag er noch so charismatisch wirken und so "faszinierend" erscheinen – "wie so 'ne Druckwelle oder Erdbeben" oder gar "ein schwarzes Loch, das alles einsaugt", wie es im Film eine Journalistin angesichts ihrer ersten Begegnung mit Trump formuliert.
Andere wieder konstatieren eine "fast dadaistische Unterhaltsamkeit", Trump sei "extrem unberechenbar". Über allem aber steht die Frage, hier fast unter Tränen zelebriert, ob und wie es weitergeht. Wird uns ("us") Trumps Amerika nach 80 Jahren des Zusammenhalts noch beschützen? Oder lässt er/es uns fallen, dieser hemdsärmelige Golfspieler aus Mar-a-Lago mit all seinen autokratischen Anwandlungen? Gut, dass die Konzeptentwickler im Hintergrund nicht vergessen werden, Leute wie der rechtskonservative Politberater Nile Gardiner, der Trump für einen unromantischen Realisten hält, der eine alte Welt zum Einsturz bringen will. Doch was kommt danach? – "Kommt jetzt ein Zeitalter der 'starken Männer'?", fragt Tim Evers. "Wird alles, was dem eigenen Weltbild widerspricht, zum Feindbild?" Mit seinen Dekreten oder KI-generierten Posts verschiebe Trump mitsamt seiner MAGA-Bewegung "die Grenzen des Sagbaren und Denkbaren".
"Trump und die Tech-Giganten"
Nach den "Tagesthemen" geht es um 22.20 Uhr im Ersten weiter mit dem analytischen Blick über den großen Teich. "Trump und die Tech-Giganten", ein Film von Nina Koshofer und Hendrik Hinzel, erzählt laut ARD-Ankündigung "von der Allianz aus Technologie, Kapital und Ideologie, und fragt: Wie viel Einfluss hat die amerikanische Tech-Elite unter Trump?" Und auch hier kann es einem beim Zusehen eiskalt den Rücken runterlaufen, wenn etwa die Die US-Soziologin Brook Harrington zitiert wird: "Die Tech-Milliardäre wollen keinerlei Grenzen ihrer Macht – weder durch demokratische Regierungen, noch durch Finanzsysteme oder durch Fakten." Auch der Autor Douglas Rushkoff lässt sich in der Doku über die Utopien der Tech-Milliardäre aus: "Für sie geht es bei der Zukunft der Technologie vor allem darum, uns anderen zu entkommen."
Trump & us – Wie er unsere Welt verändert – Mo. 12.01. – ARD: 20.15 Uhr
