Nach Anschlag: Dritte Nacht ohne Strom und Wärme im Südwesten Berlins

Published 1 day ago
Source: stern.de
Nach Anschlag: Dritte Nacht ohne Strom und Wärme im Südwesten Berlins

Seit Tagen frieren Tausende Berliner im Dunkeln, während Notstromaggregate brummen und die Polizei mit Hunderten Beamten auf Streife geht. Wie lange hält der Ausnahmezustand an?

In Berlin sind rund 28.000 Haushalte den vierten Tag in Folge ohne Strom. Nach dem großen Stromausfall im Südwesten der Hauptstadt infolge eines Brandanschlags kommen die Arbeiten zur Wiederherstellung der Versorgung nach Einschätzung der Beteiligten zwar langsam voran. Aber bis alle Betroffenen wieder am Netz sind, wird es nach Einschätzung des Betreibers Stromnetz Berlin bis Donnerstagnachmittag dauern. 

Bis dahin müssen viele Tausend Menschen ohne Strom und Wärme in dunklen und kalten Wohnungen oder in Ausweichquartieren ausharren. Manche sind in Hotels gegangen, andere wärmen sich tagsüber in Notquartieren oder anderen Anlaufstellen auf. Sie können dort auch etwas essen und trinken und ihr Handy aufladen. Etwa 20 Schulen bleiben den zweiten Tag in Folge geschlossen.

Mehr Supermärkte öffnen 

Immerhin kehrt nach und nach auch ein wenig Normalität in die betroffenen Stadtteile zurück - dank immer mehr Notstromaggregaten, die nach und nach in Betrieb gehen. Bei Transport, Aufbau, Anschluss und Dieselversorgung der mobilen Anlagen hilft nun laut Berliner Innenverwaltung auch die Bundeswehr, ein Betankungseinsatz startete am Abend. 

Nach ersten Supermärkten am Montag öffnen mehrere weitere große Ketten ihre Läden heute wieder. Der Senat hofft, dass sich der stark gestörte S-Bahn-Verkehr auf den Linien S1 und S7 verbessert und auch im Dunkeln wieder Züge am Bahnhof Wannsee halten können. Hier sollen Notstromaggregate für die Beleuchtung der Bahnsteige und der Unterführung sorgen. Bereits im Laufe des Montags sollten alle 74 Pflegeheime wieder Strom haben. 

Die Polizei ist auch diese Nacht mit 300 Beamten in Uniform und in Zivil im Einsatz, um eine sogenannte Raumsicherung zu gewährleisten. Verhindert werden sollen vor allem Einbrüche - bislang ist dies nach Einschätzung der Polizei weitgehend gelungen. 

100.000 betroffene Menschen 

Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppierung bekannte, waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom. Nach und nach wurde ein Teil der Kunden wieder angeschlossen. Aktuell sind laut dem Betreiber Stromnetz Berlin noch 27.800 Haushalte und rund 1.450 Gewerbekunden ohne Strom. Nach Angaben des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) waren oder sind 100.000 Menschen von dem Blackout betroffen. Berlin hatte am Sonntag eine sogenannte Großschadenslage ausgerufen.

Umfangreiche Ermittlungen 

Bei den Ermittlungen zu den Tätern gibt es noch keine Ergebnisse. Die Polizei spricht von einer sehr umfangreichen Tatortarbeit. Erste Zeugen würden vernommen, Videomaterial etwa der Verkehrsbetriebe BVG werde ausgewertet. Die linksextremistischen sogenannten "Vulkangruppen", die sich zu dem Anschlag in einem Schreiben bekannten, sind den Ermittlern bereits länger bekannt. Sie griffen mutmaßlich schon mehrfach etwa Bahnanlagen oder das Stromnetz an. 

Politik spricht von Terrorismus

Der Regierende Bürgermeister Wegner und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) stufen den Anschlag als Terrorismus ein. Ähnlich sieht das Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). "Nach unserer Einschätzung handelt es sich um einen mit profunden Kenntnissen und dezidiert geplanten Anschlag", sagte er "Bild". "Der Linksterrorismus ist mit steigender Intensität in Deutschland zurück."

Der Angriff und seine weitreichenden Folgen lösten eine Debatte über die Verletzlichkeit sogenannter kritischer Infrastruktur aus. "Unsere kritische Infrastruktur ist angreifbar", sagte Wegner. "Sie ist tagtäglich in ganz Deutschland Angriffen ausgesetzt." Nun müsse geschaut werden, wie sie noch besser geschützt werden könne. Das Berliner Stromnetz gehört zu den größten Europas und umfasst 35.000 Kilometer Kabel. Ein Prozent - also etwa 350 Kilometer - verlaufen oberirdisch.

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