Handball-EM: Ein Wurf wie ein Geschoss – Schluroff ist die Geheimwaffe des DHB-Teams

Published 3 hours ago
Source: stern.de
Handball-EM: Ein Wurf wie ein Geschoss – Schluroff ist die Geheimwaffe des DHB-Teams

Miro Schluroff ist eine der großen Überraschungen im DHB-Team bei dieser Handball-EM. Was ihn so wichtig macht – und welche Talente abseits der Platte in ihm schlummern.

Wenn Miro Schluroff zum Wurf ansetzt, würden normal denkende Menschen wohl das Weite suchen. Handball-Torhüter tun das nicht, haben bei den Geschossen des 25-jährigen Rückraumspielers dennoch häufig keine Chance. Wie auch? Im Gruppenspiel gegen Serbien etwa donnerte Schluroff den Ball mit 134,1 Kilometern pro Stunde ins Netz. Das ist bislang Bestwert bei dieser EM.

Bereits in den ersten Spielen bewies der Gummersbacher den deutschen Fans, was in ihm steckt. Spätestens seit dem 32:30-Sieg gegen Portugal beim Hauptrunden-Auftakt dürfte der Name Schluroff auch bei den gegnerischen Nationen bekannt sein. Der 1,98 Meter große Rückraumspieler war mit sieben Treffern, die er ausschließlich in Halbzeit zwei erzielte, der beste Torschütze des DHB-Teams.

Nach dem Spiel erhielt Schluroff von Trainerstab und Mitspielern viele Lobeshymnen, die ihm fast schon peinlich waren. "Er war eine riesige Hilfe für uns", sagte Bundestrainer Alfred Gislason über den Mann vom VfL Gummersbach. "Miro hat die Aufgabe, zu werfen. Bei seiner Wurfkraft kann kein Torhüter den Ball sehen." DHB-Keeper David Späth bestätigte: "Jeder weiß, was er für eine Wumme hat." Und Co-Trainer Erik Wudtke attestierte Schluroff schon vor der EM ein "Fass im Arm".

"Das hätte ich vor dem Turnier nicht erwartet"

Dank Schluroffs Wurfkraft hat Bundestrainer Gislason jedes Spiel ein Ass im Ärmel. Wenn flinke Spieler wie Juri Knorr und Nils Lichtlein im 1-gegen-1 keine Lösungen finden, kann der Isländer Schluroff bringen. Der schließt entweder aus der Distanz ab, oder reißt Lücken auf.

Abwehrspieler sind aufgrund der Torgefahr des Rückraumshooters gezwungen, früh auf ihn draufzugehen. Wenn das passiert, hat Schluroff in diesem Turnier auch bereits bewiesen, dass er die Kreisläufer Johannes Golla und Justus Fischer mit cleveren Anspielen bedienen kann.

So hatte Schluroff in den vergangenen Spielen großen Anteil am Erfolg der DHB-Auswahl. "Ich bin unfassbar glücklich und froh, dass ich diese Rolle bekomme und so viel mithelfen darf. Das hätte ich vor dem Turnier nicht erwartet", sagte er.

Der Spätzünder

Erst seit März 2025 spielt Schluroff für die deutsche Nationalmannschaft, gegen Portugal machte der 25-Jährige gerade einmal sein zwölftes Länderspiel. Zum Vergleich: Sein gleichaltriger Gummersbacher Teamkollege Julian Köster steht bereits bei 78 Länderspielen. Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnet Schluroff daher als "Spätzünder".

Anders als viele seiner DHB-Teamkollegen ging er nicht den klassischen Weg durch die DHB-Auswahlschule. Seine Handball-Jugend verbrachte Schluroff in Bremen, wechselte dann zum Wilhelmshavener HV und von dort zur zweiten Mannschaft der Füchse Berlin, seiner ersten Station im Männerbereich. Anschließend zog es ihn zu GWD Minden, ehe der VfL Gummersbach ihn 2022 unter Vertrag nahm.

Beim VfL reifte Schluroff zum Nationalspieler und brachte den Traditionsverein als Teil einer neuen Generation zurück ins internationale Geschäft. Mit Schluroff, Köster, Abwehrspezialist Tom Kiesler und Rechtsaußen Mathis Häseler stellt Gummersbach bei dieser Handball-EM die meisten DHB-Spieler.

Verwechslungsgefahr mit Köster

Besser spät als nie muss Schluroff sich gedacht haben. Innerhalb von zehn Monaten hat er sich beim DHB zu einem festen Bestandteil der Mannschaft entwickelt. Mittlerweile wird er vom Bundestrainer auch nicht mehr mit Köster verwechselt. Die beiden schwarzhaarigen Rückraumspieler sind fast gleich groß und ähneln sich auch im Aussehen.

Die Gummersbacher Julian Köster (l.) und Miro Schluroff
Zum Verwechseln ähnlich: Die Gummersbacher Julian Köster (l.) und Miro Schluroff
© Gerhard Koffler

"Es gab am Anfang ein, zwei Szenen, in denen er mich falsch angesprochen hat", berichtete Schluroff jüngst mit einem Schmunzeln. Medienberichten zufolge soll Gislason ihn anfangs den "Gummersbacher Zwilling" genannt haben.

Miro Schluroffs Vater spielte für Werder Bremen

Das sportliche Talent liegt in Schluroffs Familie: Sein Vater Lars Unger spielte von 1991 bis 1997 für Werder Bremen. Nach einer Station bei Fortuna Düsseldorf wechselte Unger ins österreichische Bregenz, wo Sohn Miro im Jahr 2000 geboren wurde.

"Der Fokus lag eher auf dem Handball in meinem Freundeskreis, auch familiär gesehen", sagte Schluroff der "Bild"-Zeitung. "Nur mein Vater war Fußballer, der Rest eher Handballer. Das hat sich dann mit der Zeit so ergeben." Trotzdem sei er Werder-Fan und verfolge die Spiele regelmäßig, berichtet Schluroff weiter.

Demnach spielen seine Freundin Kathleen und Schwester Tony ebenfalls Handball. Letztere war laut "Bild" beim Regionalligisten TV Oyten Mannschaftskollegin von Madita Woltemade, der Schwester von Fußball-Nationalspieler Nick Woltemade.

Entertainer bei den deutschen Handballern

Neben seinen handballerischen Fähigkeiten besitzt Schluroff weitere, womöglich ungeahnte Talente – etwa als Unterhalter. Schon vor der EM bestätigten viele Teamkollegen im Gespräch mit dem Sender Dyn, dass Schluroff der Entertainer des Teams sei. "Er sorgt dafür, dass jeder im Team lacht", sagte DHB-Routinier Andreas Wolff. Vor und nach den Spielen legt Schluroff zudem als Kabinen-DJ auf. "Bis jetzt kommt es ganz gut an, was er da spielt", berichtete Julian Köster.

Schluroff hat das Potenzial, ein Fanliebling zu werden. Auch, weil er im Gegensatz zu stilleren DHB-Kollegen das Spiel mit den sozialen Medien beherrscht. Schluroff gibt sich Fan-nah, führt unter anderem als Moderator durch die Videos auf dem Gummersbacher YouTube-Kanal. "Es gehört zum Job dazu", sagte er, und beschrieb Social Media als "extrem wichtig".

Am Samstag beim zweiten Hauptrundenspiel der DHB-Auswahl gegen Norwegen in Herning (20.30 Uhr/ZDF/Dyn) wird aber zunächst wieder Schluroffs sportliche Performance gefragt sein. Der Überraschungseffekt ist mittlerweile verflogen. Die Skandinavier um Superstar Sander Sagosen werden sich die vergangenen Spiele der Deutschen im Videostudium genau angeschaut und daher nun auch einen gewissen Miro Schluroff auf dem Zettel haben.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "Bild", DHB, mit DPA-Material

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