Gedenken: "Wie echt": Digitale Zeitzeugen berichten vom Holocaust

Published 4 hours ago
Source: stern.de
Gedenken: "Wie echt": Digitale Zeitzeugen berichten vom Holocaust

Kann KI Geschichte greifbar machen? Und wie fühlt es sich an, KZ-Überlebenden Fragen zu stellen? Eine Klasse in Essen hat es ausprobiert. Moderne Technik hilft, die Zeitzeugen-Berichte zu bewahren.

Weite Reisen fallen Inge Auerbacher inzwischen schwer, kein Wunder mit 91 Jahren. Und doch scheint die Holocaust-Überlebende aus den USA auf einer Bühne in Essen zu sitzen und Fragen von Schülern zu beantworten. Moderne Lichttechnik und tagelange Interviews machen es möglich - damit sollen die Erinnerungen von Auerbacher als Zeitzeugin für die Ewigkeit bewahrt werden.

"Wie hast du es geschafft, zu überleben?", fragt ein Schüler der Elsa-Brändström-Realschule. Die virtuelle Inge Auerbacher scheint kurz zu überlegen. Dann beginnt sie zu erzählen: "Ohne Hoffnung konnte man das nicht durchstehen."

Wenn man ihr zuhört und sie dort in Lebensgröße auf ihrem blauen Sessel sitzen sieht, könnte man fast vergessen, dass es nur ein dreidimensionales Video der Holocaust-Überlebenden ist, das auf die Bühne projiziert wird. Die Antworten auf 900 mögliche Fragen hat die Zeitzeugin schon vor Jahren gegeben. Und doch wird Geschichte durch ihren Bericht anschaulich und begreifbar. "Frag nicht dein Geschichtsbuch. Frag Inge", lautet ein Slogan der Ausstellung "Holo-Voices", die nun in Essen in der Zeche Zollverein gezeigt wird. Sie wurde am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet.

Inge erzählt, wie es nur Zeitzeugen können 

Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz können die Schülerinnen und Schüler alles fragen, und Inge - die jungen Besucher dürfen die 91-Jährige duzen - antwortet ihnen. Sie erzählt dann von der antisemitischen Verfolgung durch die Nazis, von ihrer Deportation nach Theresienstadt, von ihrem Leiden und auch von schönen Momenten - etwa davon, wie sie als Kind unbeschwert mit nicht-jüdischen Nachbarsmädchen spielen konnte, weil die Religion den Kindern einfach egal war.

Man müsse Wege finden, die Stimmen von Zeitzeugen für die Ewigkeit zu bewahren, sagt NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU). Die meisten Überlebenden seien inzwischen 90 Jahre und älter. "Sie werden uns ihre Geschichte nicht mehr lange erzählen können." 

Echte Antworten trotz künstlicher Intelligenz

Dass die Hologramme auf die Fragen der Ausstellungsbesucher antworten können, funktioniert zwar mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Die Antworten seien aber die authentischen Antworten echter Zeitzeugen, betont Brandes. "Die Antworten der Holocaust-Überlebenden werden nicht verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt."

Damit das funktioniert, wurden mehrtägige Interviews mit Überlebenden geführt. Auerbacher etwa saß fünf Tage lang jeweils acht Stunden und länger im Studio. 

"Es fühlt sich sehr real an"

Das Ergebnis funktioniert oft schon gut - aber beim Besuch der Elsa-Brändström-Realschule hat die digitale Zeitzeugin manche Fragen auch nicht richtig verstanden oder keine passende Antwort parat.

Die Schülerinnen und Schüler sind trotzdem beeindruckt. "Es fühlt sich sehr real an. Man denkt wirklich, dass eine Person vor dir sitzt und deine Fragen beantwortet", sagt Yashar aus der 10a. Sogar ein bisschen aufgeregt sei er gewesen, als er Inge seine Frage stellen durfte.

KI wird gerade für weitere Zeitzeugen angelernt

Auerbachers Hologramm stammt noch aus einer älteren Aufnahme, als das "Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek" in Frankfurt Zeitzeugen befragte.

Doch das Projekt "Holo-Voices" auf Zeche Zollverein in Essen soll immer größer werden: Weitere Zeitzeugen werden im Moment von Journalistik-Studenten der Technischen Universität Dortmund befragt. Als Nächstes soll das Hologramm von Eva Weyl, der Tochter eines Textilkaufmanns aus Kleve am Niederrhein, zur Ausstellung hinzugefügt werden. Das Interview mit ihr wird im Moment digital aufbereitet.

Dass ihre Stimme womöglich noch in vielen Jahrzehnten jungen Leuten die Schrecken des Nationalsozialismus begreifbar macht, ist für die 90-jährige Weyl etwas Besonders. "Die moderne Technik mit KI ist fantastisch. So kann ich mithelfen, dass die Geschichte bewahrt bleibt", sagt sie. "Unsere Stimmen werden nicht verstummen."

Sie hoffe, dass die Jugend dadurch den Wert der Freiheit verstehe, sagt Weyl. "Dass Freiheit eine kostbare Sache ist. Und dass man mithilft, die Freiheit zu bewahren."

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