Friedrich Merz ist die Anzahl der Krankheitstage deutscher Arbeitnehmer zu hoch. Seine Lösung: Krankschreibungen soll erschwert werden. Kritik kommt vom Gewerkschaftsbund.
Krankheitsausfälle bei der Arbeit sind nach einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr auf einem hohen Niveau geblieben. Im Schnitt waren Beschäftigte 19,5 Kalendertage krankgeschrieben – annähernd so lange wie 2024 mit 19,7 Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte. Wichtigste Ursachen waren Atemwegsinfekte, psychische Erkrankungen und Probleme wie Rückenschmerzen. Bundeskanzler Friedrich Merz sind diese Zahlen zu hoch. Er fordert deshalb strengere Regeln – insbesondere mit Blick auf die telefonische Krankmeldung.
Darüber müsse man mit dem Koalitionspartner SPD sprechen, sagte der CDU-Chef bei einer Wahlkampfveranstaltung in der vergangenen Woche in Baden-Württemberg.
Wörtlich sagte Merz: "Die Beschäftigten in Deutschland kommen im Schnitt auf 14,5 Krankentage. Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?" Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, sagte der Kanzler. Und weiter: "Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie gegenwärtig erreichen."
Gipfel im Kanzleramt?
DAK-Chef Andreas Storm forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen an einen Tisch bringen sollte. Die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf hohem Niveau einpendele. Deswegen sei eine fundierte Ursachenforschung richtig und notwendig. Als Baustein für neue Lösungswege schlug der Kassenchef die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen vor. Gemeint ist, nur für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu werden.
Der DAK-Auswertung zufolge blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr mit 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Es waren also an jedem Tag des Jahres im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Für die Analyse wertete das Berliner Iges-Institut den Angaben zufolge Daten von rund 2,4 Millionen Beschäftigten aus, die bei der Kasse versichert sind.
Psychische Probleme nun häufiger als Rückenschmerzen
Ursache Nummer eins blieben im vergangenen Jahr Atemwegserkrankungen wie Erkältungen und Infekte mit 378,3 Fehltagen je 100 Versicherte nach 381,7 Fehltagen 2024. Auf Platz zwei lagen nun psychische Erkrankungen wie Depressionen, die von 341,8 Fehltagen je 100 Versicherte auf 365,5 Fehltage zunahmen. Es folgten Muskel-Skelett-Probleme etwa am Rücken, die mit 346,9 Fehltagen je 100 Versicherte stabil blieben. Nach Berufen betrachtet, gab es im Gesundheitswesen mit durchschnittlich 22,5 Fehltagen die häufigsten Ausfälle – und am seltensten in der Datenverarbeitung mit durchschnittlich 12,6 Tagen.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die von Merz kritisierte Regelung zu überprüfen. Union und SPD hätten sich im Koalitionsvertrag verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte sie dem "Tagesspiegel". "Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen."
Ab wann sollen Krankschreibungen Pflicht sein?
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts, die auf Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit zurückgehen, waren Beschäftigte 2024 im Schnitt 14,8 Arbeitstage krankgemeldet, also Werktage. Die DAK-Daten beziehen sich auf Kalendertage.
Bei Berechnungen zum Krankenstand generell nicht erfasst ist, wenn Beschäftigte nur ein oder zwei Tage fehlen, ohne zum Arzt oder zur Ärztin zu gehen. Nach aktueller Rechtslage müssen Arbeitnehmer eine Bescheinigung dann vorlegen, wenn sie länger als drei Kalendertage arbeitsunfähig sind, also am vierten Tag. Der Arbeitgeber darf sie aber auch schon früher verlangen.
DGB warnt vor Generalverdacht
Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi nannte es "inzwischen hoch unanständig, in welchem Ausmaß krankgemeldete Beschäftigte unter den Generalverdacht gestellt werden, sie wären Drückeberger und Faulenzer." Nachgewiesen sei, dass viele krank zur Arbeit gingen – auch aus Angst um ihren Arbeitsplatz. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte: "Es gibt nicht mehr wirtschaftliches Wachstum, wenn Leute verschnupft oder erkältet bei der Arbeit sind. Das Einzige, was da Wachstum zeigt, sind die Bakterien am Nachbartisch und in der Belegschaft."
CSU-Chef Markus Söder hatte kürzlich eine frühere Krankschreibungspflicht, zum Beispiel schon ab dem dritten Tag, befürwortet. In der Debatte gab es auch bereits Forderungen aus der Wirtschaft, einen "Karenztag" einzuführen – also, dass Beschäftigte für den ersten Krankheitstag keine Lohnfortzahlung erhalten.
