Baumwuchs: Hoffnung für den Sorgenbaum Esche

Published 12 hours ago
Source: stern.de
Baumwuchs: Hoffnung für den Sorgenbaum Esche

Ein unscheinbarer Pilz wirkt sich verheerend auf die Eschenbestände nicht nur in Thüringen aus. Doch es gibt Hoffnung, dass diese Art eine Zukunft in den hiesigen Wäldern hat.

Thüringens Eschen stehen zunehmend unter Druck. "Das Eschentriebsterben ist mittlerweile in allen Altersklassen der Bäume sichtbar und stellt eine ernstzunehmende Gefahr für die Gemeine Esche dar", sagt Jürgen Ehrhardt, Sprecher beim Naturschutzverband Nabu Thüringen, zusammen. 

Auch die Landesforstanstalt ThüringenForst bestätigt den Trend: Zwischen den Bundeswaldinventuren 2012 und 2022 sei ein Flächenrückgang der Esche um etwa 2.500 Hektar verzeichnet worden. "Der zweithöchste Flächenrückgang nach der Fichte", erklärt ThüringenForst-Sprecher Horst Sproßmann.

Esche bedeutend für Lebensräume

Dabei spiele die Baumart eine wichtige Rolle sowohl für die Natur als auch für den Menschen, sind sich die Experten einig. Die Esche biete Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Wildtiere, ihr Laubstreu wirke sich positiv auf den Boden und die dortigen Lebewesen aus, so Erhardt. Zudem spiele das kräftige Wurzelwerk des Baumes eine wichtige Rolle im Ökosystem, ergänzt Sproßmann.

Vor dem Auftreten der Krankheit, die den Bäumen zu schaffen macht, habe die Esche eine wichtige Rolle bei der Anpassung der Wälder an den Klimawandel gespielt. Der Grund: Sie ist tolerant gegenüber Trockenheit und kann an den unterschiedlichsten Standorten vorkommen. Zudem liefere ihr hochwertiges Holz einen wichtigen Rohstoff, so Sproßmann. Das belastbare Holz wird etwa für Werkzeugstiele, Sportgeräte und als Parkett- und Möbelholz verwendet.

Kleiner Pilz, große Bedrohung

Als Grund für das "Eschentriebsterben" wurde mittlerweile der asiatische Schlauchpilz "Falsches Weißes Stängelbecherchen" (Hymenoscyphus fraxineus) identifiziert. In Thüringen war der Pilz laut ThüringenForst-Sprecher Sproßmann erstmals 2009 im Forstamt Bad Berka nachgewiesen worden. In Deutschland sei er erstmals 2002 in Mecklenburg-Vorpommern entdeckt worden. Seitdem habe er sich auch im Freistaat faktisch auf alle Eschenbestände ausgebreitet. Seit 2010 bestehe im Landeswald deshalb ein Anbauverbot für Eschen.

Trotzdem sei es immens wichtig, noch vorhandene Exemplare so lange wie möglich zu erhalten, sind sich die Experten einig. "Werden noch vitale oder nur geringfügig geschädigte Eschen gefällt oder sogar großflächig gerodet, nimmt man den Bäumen die Chance, sich auf natürliche Weise evolutionär anzupassen", erklärt der Nabu-Sprecher Erhardt.

Chance zur Resistenzbildung ermöglichen 

Flächendeckende Sanitärhiebe – also das Fällen von toter oder sterbender Bäume – oder das vorbeugende Entfernen von Eschen aus dem Wald seien die falschen Ansätze. Es sei sinnvoll, den vorhandenen Exemplaren mehr Raum zur Entwicklung zu geben, ergänzt Sproßmann; etwa, indem andere "bedrängende" Baumarten in der Nähe entfernt werden. 

Auf diese Weise erhalte die Esche die Chance, sich durch Anpassung besser gegen den Pilz zu wehren und möglicherweise resistente Samen zu entwickeln. Eine Entnahme solle erst vorgenommen werden, wenn die sogenannte Stammfußfäule erkennbar sei. Sie sei eines der ersten Anzeichen für ein schnelles Absterben des Baumes.

Forschungsprojekt soll helfen 

Dass die Esche durchaus das Potenzial hat, sich selbst zu wehren, zeigt sich in der Praxis: Selbst in bereits geschädigten Eschenbeständen gebe es immer wieder gesunde und vitale Einzelexemplare, sogenannte "tolerante Eschen", so die Experten. Vermutlich brächten diese Bäume eine genetische Resistenz gegen den Pilz mit. 

Die natürlichen Prozesse würden durch wissenschaftliche Forschungen unterstützt. So werde das bundesweite Forschungsgroßprojekt "FraxForFuture" seit November 2025 mit dem aktuellen Projekt "FraxRecovery" weitergeführt, das vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat mit 7,2 Millionen Euro unterstützt werde.

Hoffnungsträger "Schauerella fraxinea"?

Aussichtsreichster Kandidat für die biologische Kontrolle des Eschentriebsterbens sei aktuell das Bakterium "Schauerella fraxinea", das das Wachstum des Schlauchpilzes hemmen könne. In Bayern sei zudem die erste Saatgutplantage mit "toleranten Eschen" eingerichtet worden, um daraus resilientes Saatgut in größeren Mengen zu ernten, so Sproßmann. Die Stützung der vorhandenen Populationen in Verbindung mit den Erkenntnissen aus der Forschung zeige bereits Erfolge. "Die Esche hat eine Zukunft in Thüringens Wäldern", ist sich Sproßmann sicher.

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