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Kolumne: Das Gefühl der Woche: Randale im Kopf? Das kann man tun

stern.de

Saturday, February 7, 2026

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Kolumne: Das Gefühl der Woche: Randale im Kopf? Das kann man tun
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Innere Stimmen labern unsere Autorin um den Schlaf und den Verstand. Reinstes Mobbing, findet sie. Und sucht Wege, die Randalierer im Kopf zum Schweigen zu bringenWenn die Welt spätabends ein wenig leiser wird, fängt bei mir die Randale an. Ich liege im Bett, schaue ins Dunkle und muss mir Sachen...

Innere Stimmen labern unsere Autorin um den Schlaf und den Verstand. Reinstes Mobbing, findet sie. Und sucht Wege, die Randalierer im Kopf zum Schweigen zu bringen

Wenn die Welt spätabends ein wenig leiser wird, fängt bei mir die Randale an. Ich liege im Bett, schaue ins Dunkle und muss mir Sachen anhören wie diese hier.

"Garantiert liegt morgen die Mahnung vom Gas-Anbieter in der Post."
"Zu dumm, dass du dich ungern mit Zahlen befasst, selbst schuld.“
"Irgendein Plan, wie du diese 1500 Euro abwendest?"
"Apropos Zahlen: Zwölf von 36 Punkten in der Mathe-Arbeit ist eine glatte Fünf. Ist dir klar, oder? Da muss was passieren mit dem Kleinen."
"Feierst du eigentlich deinen Fünfzigsten groß? Würde dann echt Zeit mit der Planung."
"Außerdem hat sie ja immer noch keine Location, haha!"
"Entscheidungen dauern zu lange bei ihr, kennen wir doch."

Muss ich mir so etwas bieten lassen? Dass mich da ein Chor von Mahnern, Motzern und Lästermäulern ungefragt um den Schlaf und den Verstand labert?

Das Gefühl der Woche: innere Stimmen machen Randale

Das ist ganz klar Mobbing – Beleidigung, Nötigung, Verleumdung. Strafbar in Deutschland! Nur leider kann niemand außer mir diese Stimmen hören. Es sind meine inneren Stimmen.

Die meisten Menschen führen solche inneren Dialoge. Nur ein Bruchteil – etwa fünf bis zehn Prozent, schätzen Wissenschaftler – denkt nicht in Worten, sondern in Bildern. Die psychologische und neurobiologische Forschung zum inneren Gespräch ist faszinierend, denn klar ist: Wie wir mit uns selbst reden, zeigt, was wir wirklich von uns halten. Unfähig, angstgetrieben, beschämt und hässlich? Oder fürsorglich, Mut machend, geliebt und verzeihend? Oft reden mehrere dieser Stimmen durcheinander, Psychologen sprechen von „Shit FM“ – einem gedanklichen Radio-Kanal, bei dem die negativen Botschaften überwiegen.

Dabei meinte es die Evolution eigentlich gut, als sie uns die innere Stimme einpflanzte. Ich konnte das kürzlich während einer Dienstreise im ICE beobachten. Weil anderswo kein Platz war, saß ich mit einer etwa Vierjährigen und ihren Eltern im Kleinkinderabteil. Die Kleine kroch auf dem Spielteppich herum und versuchte mit Waggons und Autos eine ihr offenbar bekannte Szene nachzuspielen.

"Töff-töff, so, hier fährt der Zug, aber da kommt ja die Straße. Uii! Unfall, wenn die Autos nicht anhalten. Wo ist jetzt die Schranke hin? Da, untern Sitz gekullert. Ich nehm sie. Runterklappen und jetzt: alle anhalten! Super gemacht."

Solche Selbstgespräche sind nicht einfach nur der Soundtrack zum Spielen. Das "egozentrische Sprechen" dient Kindern als Werkzeug, um Pläne zu machen, Probleme zu lösen und sich dabei selbst zu motivieren. Man sollte ihnen öfter dabei zuhören und es genießen. Denn im Alter von etwa sieben Jahren wendet sich das Selbstgespräch nach innen, findet nur noch im Kopf statt und wird für die meisten von uns immer negativer – eben "Shit FM". Schade! In diesem Fall bliebe ich gern auf dem Sender einer Vierjährigen.

Was also tun? Vor Gericht zerren kann man die inneren Mobber ja leider nicht. Man kann aber anders mit ihnen umgehen. Psychologen raten beispielsweise, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen, also: Nicht ich bin unfähig, sondern Helen hat gerade einen kleinen Aussetzer. Das schafft Distanz und bringt Empathie ins Gespräch, die wir für andere leichter aufbringen als für uns selbst. In Experimenten mit depressiven und magersüchtigen Patienten zeigte sich, was außerdem gegen allerschlimmste Kopf-Randale hilft. Man soll echte Personen mit den inneren Stimmen verbinden, die Chefin, den Nachbarn, den Vater – und jedem dann freundlich, aber klar sagen: Du hast deine Meinung, ich habe nun mal eine andere.

Ich würde sogar noch weitergehen und diesen inneren Mob ab sofort siezen. Ich sieze sehr gern, auch wenn das gerade aus der Mode ist. Vielleicht erlebt das "Sie" eine Renaissance als innere Stimme? "Herr Perfektionist, stecken Sie sich Ihre miese Laune doch sonst wohin, ich habe Besseres zu tun." Dazu erfinde ich noch Verbündete: die Anwältin, die Cheerleaderin, die große, weise Schwester. Zur Not auch den Rausschmeißer. Und dann zücke ich die schärfste Waffe gegen meine inneren Randalierer. Ich lasse sie reden und antworte einfach nicht mehr. Gute Nacht.

 

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