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Olympische Winterspiele Milano Cortina 2026: Skisprung-Experte Martin Schmitt: "Skispringen ist ein sehr fragiler Sport"

stern.de

Friday, February 6, 2026

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Olympische Winterspiele Milano Cortina 2026: Skisprung-Experte Martin Schmitt: "Skispringen ist ein sehr fragiler Sport"
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Der Olympiasieger und vierfache Weltmeister Martin Schmitt kommentiert die Olympischen Skisprungwettbewerbe (bis Montag, 16. Februar) für Eurosport. Im Interview erklärt er, wie sich Olympia wirklich anfühlt und warum es so schwer ist, seinen Sport tatsächlich zu verstehen.Ex-Skispringer Martin S...

Der Olympiasieger und vierfache Weltmeister Martin Schmitt kommentiert die Olympischen Skisprungwettbewerbe (bis Montag, 16. Februar) für Eurosport. Im Interview erklärt er, wie sich Olympia wirklich anfühlt und warum es so schwer ist, seinen Sport tatsächlich zu verstehen.

Ex-Skispringer Martin Schmitt weiß, wie sich der Flug von der Schanze anfühlt. Lange war der mittlerweile 48-Jährige selbst Teil des Skisprung-Zirkus. Er gewann die Team-Goldmedaille 2002 in Salt Lake City, war viermal Weltmeister und zweifacher Deutscher Meister. Bei den am Freitag, 6. Februar, beginnenden Olympischen Winterspielen in Milano Cortina kommentiert er für Eurosport (Samstag, 7. Februar, bis Montag, 16. Februar, Eurosport 1 im Free-TV sowie im Livestream bei HBO Max und discovery+). Im Interview erklärt der Schwarzwälder, warum er den Ausgang der Sprungwettbewerbe für völlig offen hält und warum es so schwer ist, in diesem "fragilen" Sport konstant erfolgreich zu sein. Ein Gespräch über das Mysterium Skispringen und was es vom Fußballspitzensport unterscheidet, aber mit Golf gemeinsam hat.

teleschau: Herr Schmitt, was machen Olympische Spiele mit Ihnen, so rein emotional?

Martin Schmitt: Sehr viel. Ich habe sie immer verfolgt, seit meiner Kindheit. Und natürlich war ich selbst einige Male dabei. Es ist sehr emotional. Sowohl in der Rückschau, wenn ich darüber nachdenke, wie es mir damals ging, wie auch in der Reflexion über diese Zeit. Was man als Sportler auf jeden Fall sagen muss: Der Wert von Olympia – die Ergebnisse, Medaillen, Erfahrungen, vielleicht auch Niederlagen – sie überstrahlen alles, was man in der Karriere erlebt hat.

teleschau: Die Skisprung-Wettbewerbe finden auf einer neu gestalteten Schanze in Predazzo statt, das zwischen Mailand und Cortina liegt. Haben Springer Lieblingsschanzen und andere, die sie nicht ausstehen können?

Schmitt: Es gibt auf jeden Fall Parameter, in denen sich Schanzen unterscheiden. Eine Schanze liegt dem einen mehr, dem anderen weniger. Ein Faktor ist die Flugkurve und natürlich sind Wetter- und Windverhältnisse entscheidend. In Predazzo kann man davon ausgehen, dass ab nachmittags meist Rückenwind herrscht. Wenn die Sonne weg ist, verstärkt sich der Rückenwind.

"Da hat man vor dem ersten Flug schon mal ein mulmiges Gefühl"

teleschau: Nehmen wir den Windfaktor mal raus. Würde ein erfahrener Springer beim Runtergleiten eine Schanze mit verbundenen Augen erkennen?

Schmitt: Das ist eine gute Frage (lacht). Man bildet sich ein, dass das, was Sie da beschreiben, funktionieren könnte. Da sind Faktoren wie die Steilheit des Anlaufs, der Radius, die Strecke zum Schanzentisch und natürlich seine Höhe. Andererseits ist das Körpergefühl, auf das Sie mich da ansprechen, auch visuell geprägt. Das Ambiente einer Schanze kann sehr unterschiedlich sein: Steht die Anlage frei oder ist sie in einen Berg eingebettet? Das macht auch einen großen Unterschied in Sachen Wind. Es gibt Schanzen, da gleitet man eher herunter und andere, wo man das Gefühl hat, zu fallen.

teleschau: Haben professionelle Skispringer Angst vor ihrem Sprung?

Schmitt: Ich würde bei den Profis nicht von Angst, sondern von Respekt reden. Natürlich kann man, wenn der Respekt sehr groß ist, auch von Angst sprechen (lacht). Sie kann aufkommen, wenn ich gewisse Abläufe nicht kontrollieren kann, Unsicherheit spüre oder wenn die Wetter- und Windbedingungen sehr schwierig sind. Andererseits wird dann aus Gründen der Sicherheit meist abgebrochen. Beim Skifliegen, der Extremform des Skispringens, wenn es über die 200 Meter hinaus geht, ist der Respekt noch mal größer. Da hat man vor dem ersten Flug schon mal ein mulmiges Gefühl.

teleschau: Könnten die Olympischen Sprungwettbewerbe langweilig werden, da es mit dem Slowenen Domen Prevc gerade einen großen Dominator gibt?

Schmitt: Nein, das glaube ich nicht. Dazu kann an einem Wettkampftag zu viel passieren. Skispringen ist ein Sport, der extrem formabhängig ist. So eine herausragende Form, die Prevc bei der Vierschanzentournee hatte, kann man schon mal eine Weile konservieren. Aber sie hält auch nicht ewig an. Insofern werden die Karten bei Olympia neu gemischt. Ich erwarte – gerade wegen der Schanzen-Charakteristik – relativ enge Springen in Predazzo.

"Der Grenzbereich ist eben nicht stabil"

teleschau: Welche Chancen haben die Deutschen?

Schmitt: Sowohl Felix Hoffmann sollte die Anlage liegen als auch Philipp Raimund. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die beiden in Predazzo ein Wörtchen mitreden.

teleschau: Wie kommt es, dass beim Skispringen bestimmte Athleten eine kurze Zeit alles dominieren und danach manchmal für immer oder zumindest eine lange Zeit keine Chance mehr haben?

Schmitt: Skispringen ist ein sehr fragiler Sport. Der Bewegungsablauf beim Sprung ist einerseits gefestigt – insbesondere in der Grobform. Man muss sich aber immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen, und am Ende entscheiden Nuancen. Optisch sehen ein guter und ein weniger guter Sprung manchmal selbst für Experten recht ähnlich aus. Da muss man dann schon eine Superzeitlupe bemühen, um entscheidende Details zu entdecken. Auch der eigene Körper verändert sich. Wenn man nach einer Trainingsphase zum Beispiel mehr Kraft hat als zuvor, ist das nicht automatisch auch ein Vorteil auf der Schanze.

teleschau: Wenn man Skispringen mit Fußball vergleicht, müsste man annehmen, dass im Fußball – wo noch ein Ball im Spiel ist – der Faktor Zufall größer ist. Dennoch sind Spieler wie Messi oder Ronaldo fast über Jahrzehnte dominant, während sich beim statischer wirkenden Skispringen ständig neue Superstars anmelden ...

Schmitt: Ja, das stimmt, und es ist in der Tat schwer zu erklären. Beim Skispringen spielt das Material eine große Rolle. Jede kleine Veränderung kann ein Gamechanger sein. Ein Messi wäre wahrscheinlich immer noch spitze, wenn seine Schuhe eine halbe Nummer größer oder kleiner wären. Bei uns hat aber das Material einen direkten Einfluss auf die mögliche Technik und umgekehrt. Man hat seinen eigenen Stil, bewegt sich im absoluten Grenzbereich und der ist eben nicht stabil. Veränderungen im Reglement kommen dann dem einen Springertyp mehr entgegen als dem anderen.

"Skispringen würde ich eher mit Golf vergleichen"

teleschau: Fußball ist also die robustere Sportart, was die Faktoren für Erfolg und Misserfolg betrifft?

Schmitt: Ja, auf jeden Fall. Skispringen würde ich eher mit Golf vergleichen. Auch da machen kleinste Dinge einen großen Unterschied. Im Golf passiert es auch manchmal, dass ein Spieler das erste Turnier gewinnt und beim nächsten den Cut nicht schafft, also früh ausscheidet. Jeder, der mal Golf gespielt hat, kennt die Erfahrung: Ein Schlag fühlt sich gleich an, aber der Ball fliegt völlig anders. Was auch noch ein Faktor ist: die Zahl der Übungswiederholungen. Spitzenathleten im Skispringen machen übers Jahr vielleicht 650 Sprünge. Ein Golfer, der sein Spiel verändert oder die Schlägermarke wechselt, kann eine Vielzahl von Schlägen in kurzer Abfolge machen und sich entsprechend schnell anpassen. Beim Skispringen ist der Aufwand recht hoch. Hinzu kommt das Risiko, die psychische Belastung. Deshalb kommt man nie auf eine Zahl an Wiederholungen, die vielleicht nötig wäre, um den Bewegungsablauf schnell zu stabilisieren. Deshalb kann man die eine Sportart auch nur schwer mit der anderen vergleichen.

teleschau: Es ist fast schon philosophisch, aber könnte man jene Nuancen, die sich bis ins kleinste Detail verästeln, nicht schon als Zufall bezeichnen?

Schmitt: Zufall trifft es für mich nicht. Ich würde beim Skispringen eher von Automatismen sprechen. Jeder Athlet versucht in Automatismen reinzukommen. Wenn das auf gute Weise gelingt, spricht man vielleicht von "Flow". Ich bin mir sicher, Domen Prevc hat bei seinen Sprüngen während der Vierschanzentournee nicht mehr viel nachdenken oder korrigieren müssen.

teleschau: Glauben Sie, dass Roboter bessere Springer als Menschen wären?

Schmitt: Ein Roboter auf der Sprungschanze wäre sicher ein interessantes Experiment (lacht). Ich wüsste aber nicht, dass dazu geforscht wird.

"Krass, du bist jetzt wirklich Olympiasieger"

teleschau: Kommen wir zum Faktor Psychologie. Sie hatten ihre größten Erfolge um die Jahrtausendwende, mussten danach aber mit etlichen Durststrecken leben. Wie frustrationstolerant muss ein Skispringer sein?

Schmitt: Unser Sport stellt die Geduld der Athleten auf eine harte Probe. Ohne ein hohes Maß an Frustrationstoleranz geht es nicht. Man braucht zudem den persönlichen Glauben daran, dass es möglich ist, zurückzukommen. Im Skispringen gibt es Comebacker und es gibt jene, die erst spät in der Karriere richtig gut werden. Und dann gibt es Athleten, die früh gut sind – und danach kommt nicht mehr viel. Karriere-Stabilität von Anfang bis Ende ist beim Skispringen selten: Stefan Kraft aus Österreich wäre ein Beispiel. Und natürlich Janne Ahonen, der ehemalige finnische Superstar.

teleschau: Was ist wichtiger: Olympiasieg oder bei der Vierschanzentournee triumphieren?

Schmitt: Das kommt auf den Blickwinkel an. In der Skisprungwelt und speziell in Deutschland ist der Gewinn der Vierschanzentournee natürlich groß. Geht man jedoch aus der Skisprung-Bubble raus und betrachtet das international, dann ist sicher der Olympiasieg wichtiger. Olympiagold wird überall auf der Welt entsprechend wahrgenommen.

teleschau: Wir surreal ist das Gefühl, wenn man selbst Olympiasieger wird? Oder ist es am Ende vielleicht nüchterner und realer als man sich das als Laie vorstellt?

Schmitt: Ich bin Olympiasieger im Teamwettkampf geworden, das ist etwas anderes, als wenn man als Einzelathlet ganz oben auf dem Treppchen steht. Man hat mit einer Gruppe etwas Großes erreicht. Bei uns war zudem der Wettkampf verrückt, hochintensiv, sehr emotional denn wir haben nur mit einem Zehntel Vorsprung gewonnen. Es war extrem knapp – und ich war der Schlussspringer.

teleschau: Also ist es nun real oder surreal?

Schmitt: Auch, wenn es blöd klingt: Es ist beides. Während des Wettkampfes ist man sich natürlich bewusst, dass man bei Olympia antritt. Aber der Fokus ist auf der eigenen Performance. Man ist so im Wettkampf drin, dass es sich gewohnt real anfühlt. Es geht dann nach dem Wettkampf aber alles sehr schnell: Interviews, Pressekonferenz, Siegerehrung. Das fühlt sich etwas surreal an. Mit etwas Abstand kommt dann das Realisieren: Krass, du bist jetzt wirklich Olympiasieger.

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